Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Der Meschummed
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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190 noch einmal eintrat und, ihr die Hand auf die Schulter legend, sagte: „Geh, Jettchen, ruh Dich e bißche, wir werden beide nu bald alte Leute!" Als Süßklang der Synagoge zuschritt, holte ihn Joseph Krotoschin ein. Dem Kantor war diese Begegnung nicht angenehm, gerade heute wäre er jedem andern lieber begegnet. Aber er wußte aus langjähriger Erfahrung, wie bitter sich eine Unfreundlichkeit rächte, und zwang sich zur Freundlichkeit. Herr Krotoschin gehörte zu jenen Menschen, die immer nur von sich und ihren eigenen Angelegenheiten zu reden haben. „Warum so eilig, Chasen?") sagte er, „wir haben mit dem Dawnen^) noch gut e Viertelstunde Zeit." Süßklang mäßigte nur ungern seine Schritte; aber Krotoschin hatte recht, es war noch reichlich eine Viertelstunde bis zum Beginn des Gottesdienstes. „Wissen Se: grad, wie ich in Schu?) gehn will, kommt noch e Briefche von mein' Abram an." Höflich fragt Süßmann: „So? — Wie geht's ihm?" „Ob's ihm geht! — Alle jüdische Kinder gesagt!" Herr Krotoschin bleibt stehn und zwingt dadurch Süßklang auch, stehen zu bleiben. Sein Auge lächelt überlegen, so als ob er sagen wollte: Gibt's denn noch so was auf der Welt wie meinen Abram! — Gewichtig bewegt er den Kopf von einer Seite zur andern hin und her. „Das heißt Masel/) Chasen! — Was wolln Se haben! Beim letzten Wochenmarkt hat er e Losung gehabt — Se sollen's immer Kibbedjontewgeld kriegen — wieviel meinen Se doch, Chasen?" „Womöglich hundert Taler," warf Süßklang mit scheinbarem Interesse hin. l) Vorsänger. 2) Beten. 3) Synagoge. 4) Glück.