Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 181

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Wanderungen im Mittelalter
Date
1914-01-01
Page
Seite 181 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3111067-3111100-3116302--4773-3116513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

183 außerdem besondere Grüße zu Geburtstagen, aber der Reisende war der hauptsächlichste Briefschreiber. „Lieber Vater", schrieb 1488 der berühmte Obadja aus Bertinoro, „meine Abreise hat Dir Kummer und Leiden verursacht, und ich bin untröstlich, daß ich gezwungen war, Dich in einer Zeit zu verlassen, in der das Alter Dich zu belästigen anfängt. Wenn ich an Deine grauen Haare denke, die ich nicht mehr sehen kann, so fließen meine Augen über von Tränen. Aber wenn mir auch das Glück versagt ist, Dir persönlich zu dienen, so kann ich Dir doch Deinem Wunsche gemäß damit dienen, daß ich Dir meine Reise beschreibe, daß ich Dir mein Herz ausschütte, daß ich Dir ausführlich erzähle, was ich gesehen habe und- Dir von der Lage und den Sitten der Juden in allen Orten meines bisherigen Aufenthalts berichte." Nach einer langen wertvollen Erzählung schließt er mit folgenden liebevollen Worten: „Ich habe mir in Jerusalem ein Haus in der Nähe der Synagoge gemietet, die ich von meinen: Fenster aus sehen kann. In dem Hofe, in dem mein Haus steht, wohnen 5 Frauen und außer mir nur ein Mann, er ist blind, und seine Frau sorgt für meine Bedürfnisse. G. s. D. ich habe die Krankheit überstanden, die fast alle Reisenden hier befällt, und ich bitte Dich flehentlich, weine nicht - über meine Abwesenheit, sondern genieße meine Freude mit, daß ich in der heiligen Stadt lebe. Ich rufe Gott als Zeugen an, daß hier der Gedanke an alle meine Leiden schwindet und daß nur ein Bild mir vor Augen schwebt, Dein teures Angesicht, lieber Vater. Laß mich fühlen, daß ich mir dieses Angesicht nicht von Tränen getrübt, sondern vor Freude glänzend vorftellen kann. Du hast andere Kinder um Dich, mögen sie Deine Freude bilden, und mögen meine Briefe, die ich von Zeit zu Zeit schreibe, Deinem Alter Aufrichtung gewähren, wie Deine Briefe mir eine Aufrichtung sind". Weit zahlreicher als die Briese von Söhnen an Väter sind die Briefe von Vätern an ihre Familien. Wenn diese aus Palästina kommen, findet sich dieselbe Mischung von frommer Freude und menschlichem Kummer darin — Freude über die Anwesenheit im heiligen Lande,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.