Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Wanderungen im Mittelalter
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111100-3116302--4765-3116505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
175 — Briefträger mit Ungeduld erwartet. Am Beginn des 18. Jahrhunderts wurde das Gewerbe des Briefträgers bisweilen von jüdischen Frauen ausgeübt. Auch der gewöhnliche Reisende, der keine Geschäfte zu erledigen hatte, wählte oft die Meßzeit, um neue Plätze zu besuchen, denn er konnte sicher sein, dort interessante Leute zu treffen. Auch er pflegte meistens Freitag Abend einzutreffen und füllte den Sonnabend mit Erzählungen von den Wundern, die er erlebt hatte, aus. In der großen Synagoge von Sepphoris sprach Rabbi Jochanan von einer großen Perle, die so gewaltig war an Umfang, daß das Osttor des Tempels aus diesem einen Edelstein hätte erbaut werden können. „Ja, ja," rief ein Zuhörer,. der ein bekannter Skeptiker gewesen war, bis er schiff, brüchig geworden, „hätten nicht meine eigenen Augen eine solche Perle auf dem Grunde des Ozeans gesehen, ich würde es nie geglaubt haben". Und so pflegte der Reisende des Mittelalters seine fesselnden Erzählungen vorzubringen. Er hatte zu berichten von dem mächtigen jüdischen Reiche im Osten, das in idyllischem Frieden und in Glückseligkeit dahinlebte. Er konnte seine Zuhörer durch Neuigkeiten von dem letzten Messias erregen, er konnte den Fluß Sambatjon beschreiben, der am Sabbat ruhte, und indem er Wahrheit und Dichtung mit einander vermischte, konnte er in einem Atemzuge berichten, wie er einen Fluß auf einer aufgeblasenen Haut durchfahren hatte und daneben Märchen von Hillels Grab erzählen, das er besucht hatte, und an dem er einen gewaltigen hohlen Stein gesehen hatte. Dieser bleibt leer, wenn ein schlechter Mensch eintritt, beim Herannahen eines frommen Besuchers aber füllt er sich mit süßem, reinem Wasser, in dem der Besucher sich wäscht, und wenn er zur selben Zeit einen Wunsch ausspricht, kann er sicher sein, daß dieser in Erfüllung geht. Es ist unmöglich, auf alle die Wunder von den Gräbern auch nur hinzuweisen. Die Juden glaubten fest an die übernatürliche Kraft der Grabstätten, sie machten Wallfahrten zu ihnen, um zu beten und sich besondere Gunst zu erbitten. Die Erzählungen der Reisenden aus dem