Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Wanderungen im Mittelalter
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 14)
- Language
- German
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173 seine alten Sitten beizubehalten, und der Respekt vor der heimatlichen Sitte war so stark, daß dieser Anspruch oft bewilligt wurde. Freilich wurde auf diese Weise die Uebereinstimmung aufgehoben und die Autorität untergraben. Einige Beispiele mögen dies beleuchten. Ein neuer Ansiedler mochte für sich in Anspruch nehmen, daß er Karten spielen durste wie in seiner früheren Heimat. Man konnte dann nicht von ihm verlangen, daß er sich den strengeren Sitten des Ortes, in den er kam, fügen würde. Das Ergebnis war, daß die dort wohnenden Juden sich darüber beklagten, daß die Fremden besondere Vorrechte eingeräumt erhielten und daß auf diese Weise alle Versuche, das Spiel zu kontrollieren, mißglücken mußten. Oder es konnte Vorkommen, daß der neue Ankömmling, dem Brauch seiner Heimat entsprechend, sich den Bart abnehmen lassen wollte. Darüber geriet dann der ganze Ort in Aufruhr, denn man fürchtete, daß ein einheimischer junger Mann dasselbe tun und dadurch allgemeinen Aerger erregen würde. Oder der neue Ansiedler beanspruchte das Recht, bunte Modekleider oder Juwelen zu tragen, die den einheimischen Juden verboten waren. Ferner wurde durch die Ankunft von Fremden oft das Eheproblem noch schwieriger. Manche gaben sich als Junggesellen aus, und es stellte sich heraus, daß sie verheiratete Männer waren. Beim Gottesdienst wiederum wurden die Gemeinden sehr oft in Parteien gespalten, weil die Fremden einen Extra- Gottesdienst einrichteten, und es mußte verboten werden, daß Mitglieder der Gemeinde die Synagoge der fremden Ansiedler besuchten. Schwierig war auch die Stellung der Fremden in Bezug auf die Gemeindesteuern; sie wurden jedes Jahr auf der Grundlage der Bevölkerungsziffer festgesetzt, und die Ankunft neuer Mitglieder störte erheblich das Gleichgewicht, veranlaßte die Regierung, von neuem Summen einzuziehen, und man war keineswegs sicher, ob die Ankömmlinge bezahlen konnten oder wollten, man war somit der Gefahr ausgesetzt, daß die Lasten auf die Schultern der früheren Einwohner fielen.