Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Wanderungen im Mittelalter
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 9)
- Language
- German
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168 eine vorzügliche Gelegenheit, Verbindungen anzubahnen. Sicherlich waren die Heiraten, welche er bewirkte, tatsächlich glücklich, und in seinen Händen hatten die Verbindungen so viel Gutes und so wenig Schlechtes, wie bei dieser Art nur möglich ist. Ein anderer Typus von Reisenden, die jedoch nur kurze Strecken zurücklegten, war der Bochur, der Student. Tatsächlich waren seine Reisen nicht immer ganz kurz, aber es kam selten vor, daß er übers Meer ging. Im 2. Jahrhundert finden wir jüdische Studenten in Galiläa, die ihr Leben genau so einrichteten wie viele junge Leute aus Schottland es taten, bevor die Carnegie-Stiftung existierte; sie wollten nämlich im Winter in Sepphoris studieren und im Sommer Feldarbeit verrichten. Nach der allgemeinen Verarmung infolge des Bar-Kochbakrieges waren die Studenten glücklich, wenn sie an der Tafel des reichen Patriarchen Juda I. speisen durften. Im Mittelalter gab es viele derartige Männer. Diese Bachurim, die, obwohl noch ziemlich jung, doch häufig schon verheiratet waren, legten ungeheure Reisen zu Fuß zurück, z. B. vom Rhein bis nach Wien und von Norddeutschland nach Italien und erduldeten auf der Reise unbeschreibliche Entbehrungen. Schlechtes Wetter war naturgemäß eine böse Geißel, „Höre nicht auf die Gebete der Wanderer", lauten die Worte, die die Juden beteten. Ein gleicher Ausspruch des Talmuds bezieht sich auf die Selbstsucht der Reisenden, die immer gutes Wetter beanspruchen, während der Landmann Regen nötig hat. Auch abgesehen vom Wetter, hatten die Bachurim auf ihren Wegen viel zu leiden. Ihre gewöhnliche Nahrung bestand aus rohen Kräutern, die sie sich von den Feldern pflückten, sie tranken nur Wasser. Sie wurden oft von ihren Lehrern begleitet, die dieselben Entbehrungen sich auferlegten. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern im Talmud reisten sie viel bei Nacht, weil sie da sicherer waren, und weil sie das Tageslicht für das Studium benutzen konnten. Die Speisegesetze machten die Reisen für Juden besonders lästig, wir finden tatsächlich, daß Juden in den allgemeinen