Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Wanderungen im Mittelalter
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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164 — daß seine Frau es müde geworden war, auf ihn zu warten. Solche Vorkommnisse von seiten der Frau waren außerordentlich selten, die Zahl der Fälle, in denen die Frau verlassen wurde, kamen weit häufiger vor. Wenn der Mann abwesend war, so gestaltete sich das Schicksal der Frau im besten Falle noch wenig glücklich. „Komme zurück", schrieb eine Frau, „oder schicke mir einen Scheidebrief". „Nein", erwiderte der Mann, „ich kann beides nicht tun. Ich habe noch nicht genug für uns verdient, und darum kann ich nicht zurückkommen, und bei Gott, ich liebe Dich, und darum kann ich mich nicht von Dir scheiden lassen!" Der befragte Rabbi gab den Rat, daß er vorher einen bedingten Scheidebrief geben sollte, ein zarter Wink, der, im Falle der Mann über eine festgesetzte Zeit hinaus wegblieb, es der Frau freistellte, für eine anderweitige Heirat, die Vorbereitungen zu treffen. Unsere alten Weisen sagen/daß man auf der Reise an seinem Familienleben, seinem Vermögen und seinem guten Ruf Schaden erleidet. „Reise von einem Haus zum anderen, und Du verlierst das Gewand, reise von einem Ort zum anderen, und Du verlierst das Leben", so lautete das rabbinische Sprichwort. Ueber diesen Punkt könnte noch vieles gesagt werden, aber das Gesagte muß genügen, um zu zeigen, daß die Störung des Familienlebens eine der schlimmsten Folgen der Reisen im Mittelalter und auch noch in neuerer Zeit war! Ob nun die Reise aus geschäftlichen Rücksichten oder aus Frömmigkeit unternommen war, die religiösen Bräuche bildeten einen Teil der Vorbereitungen des Reisenden für seinen Aufbruch. Das Gebet für Wanderer steht schon im Talmud. Man kann es in vielen Gebetbüchern finden, und es ist nicht nötig, es hier anzusühren, aber ein Teil von ihm drückt so vorzüglich in wenigen prägnanten Worten die ganze Fülle der Gefahr aus, daß ich es hier anführen muß. Wenn er sich einem Ort näherte, betete der Jude: „Möge es Dein Wille sein, o Herr, mich sicher an diesen Ort zu bringen" wenn er eintrat, betete er „Möge es Dein Wille sein