Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Hofrat Professor Dr. David Heinrich v. Müller
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
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151 schwierigen Fragen die Bewunderurg nicht versagen. Die intensive Beschäftigung mit diesem Propheten war von großer Tragweite für die richtige Erkenntnis der inneren Gesetze der hebräischen Poesie in der heiligen Schrift. Die biblische Poesie hat kein Silben- oder Wortmaß, sondern nur ein Gedankenmaß, das die Versteile beherrscht und als Ebenmaß der Versglieder (Parallelismus membrorum) bezeichnet wird. Diese Erscheinung kannte man schon lange. Herder hat sie in seiner Abhandlung ״Vom Geiste der hebräischen Poesie" eingehend besprochen. Bei tiefer Betrachtung Ses Ganzen erkannte jedoch Müller mit genialem Blicke, daß noch andere, bisher ungekannte Kunftgesetze und Kunstsormen den eigenartigen Reiz der biblischen Poesie bestimmen. Er fand nämlich, daß sich die größeren Abschnitte in Strophen gliedern, daß zwei oder mehrere Strophen miteinander in gedanklicher, aber auch formaler Beziehung korrespondieren — dies bezeichnete er mit Responsion -—, oder sich durch Schluß der einen und Anfang der anderen künstlich verketten — dieses nannte er Concatenatio —, oder aber als nichtzusammengehörende Gedankenkomplexe sich voneinander abgrenzen (Inolnsio). So entstand 1896 das epochemachende Werk ״Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form", worin er seine Strophenlehre durch zahlreiche Beispiele ausführlich begründet, gleichzeitig aber auch an der Hand der keilinschriftlichen Literatur und des Korans den Beweis erbringt, daß diese Kunstgesetze sich aus die semitische Poesie überhaupt, also auch auf die nachbiblische, wie z. B. die Sprüche des Sirach, ja sogar auf manche ursprünglich in aramäischer Sprache abgefaßte Spruchgruppen in den Evangelien erstrecken und in ihren Wirkungen auch in den Chören der griechischen Tragödie sich erkennen lassen. Der Einfluß der semitischen Kultur auf die griechische fand durch diese Entdeckung eine neue Bestätigung. Weitere Beispiele des Strophenbaues mit allen den nachgewiesenen poetischen Figuren, auch in den Psalmen, Proverbien, Job u. a, publizierte er im Jahresberichte der israelitischen theologischen Lehranstalt im Jahre 1907