Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Hofrat Professor Dr. David Heinrich v. Müller
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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147 bot ihm die Buchhandlung seines Vaters, worin auch mancherlei Hebraica waren, besondere Gelegenheit zur allgemeinen Ausbildung seines Geistes. Da las und lernte er ungestört vieles und vielerlei und speicherte dadurch einen sehr reichen Wissensstoff in seinem Kopfe auf. Vor Allem zog ihn die hebräische Haskala-Literatur mächtig an. Die edle schwungvolle Prosa Mapu's, Erter's oder Smolensky's weckten in ihm philologisch-ästhetische Feinsühligkeit und ein tieferes Verständnis für die Schönheit der biblischen Poesie. So fand sein künstlerisches Temperament, das dann in seinen Werken, besonders aber in den Studien über die Propheten stark zu Tage trat, in den Erzeugnissen der neuhebräischen Literatur einen gesunden Nährboden. Den Sinn für die moderne Forschungsmethode schärften in hohem Maße die auf dem Gebiete der jüdischen Geschichts- und Altertumssorschung bahnbrechenden Arbeiten von Krochmal, Zunz und Rapoport. Die Begabten, von ungestümem Wissensdrang beseelt, verließen zumeist die Heimat, um die moderne Bildung ungestört in sich aufzunehmen. Ihre Namen tauchten dann hier und da auf literarischem oder politischem Gebiete glänzend auf. David Heinrich Müller gehörte zu jenen lichtwendigen, aufwärtsstrebenden Naturen. Ohne an einen Lebensberus zu denken, hatte er bisher seine Jugend mit dem ״Lernen" verlebt. Nun sollte er sich, wie viele andere seiner Jugendgenossen, dem Kaufmannsstande widmen. Allein sein unbezwingbarer Wissenstrieb sagte ihm, daß er dazu nicht tauge. Er hatte bereits das 20. Lebensjahr zurückgelegt, als er nach schweren Kämpfen den festeu Entschluß faßte, der Heimat Valet zu sagen und sich in der weiten Fremde auf die Studierbank zu setzen. Mit der dem jüdischen Naturell eigentümlichen Verve warf er sich auf die Erlernung der Mittelschulgegenstände, um rasch die Reifeprüfung zu machen. Im Jahre 1867 kam er zuerst nach Breslau, um sich unter der Leitung Frankels zum Rabbiner heranzubilden. Hier lernte er den damals kaum 15jährigen, aber bereits vielversprechenden David Kaufmann kennen, mit dem ihn eine dauernde, innige 10*