Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 18)
- Language
- German
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143 Moralstunde einer freireligiösen Gemeinschaft gehalten fein könnten. Das ist eine Verirrung. Eine solche Predigt bietet niemandem etwas. Ihr fehlt der jüdische Gehalt, der ihr erst das Lebensrecht gibt. Sie ist uncharakteristisch. Das ist zunächst ein ästhetischer Mangel, wird aber leicht zu einem ethischen Defekt. Uncharakteristisch und charakterlos sind nahe miteinander verwandt. Dazu ist jüdisch predigen gar keine leichte Aufgabe. Die Prediger der ersten Zeit nahmen sich zum guten Teil den Stil der protestantischen Geistlichen zum Muster. Steinthal erzählt (Gesammelte Aufsätze über Juden und Judentum S. 291), wie sein Lehrer Baruch Herzfeld, der auch in der Synagoge Ansprachen hielt, seine Konzepte deni protestantischen Pastor von Gröbzig vorlegte. Der Hamburger Prediger Salomon muß sich gegen die Bemerkung verteidigen, daß er den berühmten Pfarrer Dräseke sich zum Vorbild gewählt habe. Ein namhafter Rabbiner der 1840er Jahre spricht von „unserer irdischen Pilgerfahrt nach dem himmlischen Kenaan" und redet auch sonst in ähnlichem Jargon. Heute tauchen andere Schwierigkeiten auf. Auf tausend Wegen stürmt unsere Zeit auf uns ein. Bewußt und unbewußt werden wir auf Schritt und Tritt von ihr in ihren Bann gezogen. Es ist ein hohes Ziel, bei aller Freude an der Gegenwart und bei allem Verlangen, ganz ihr anzugehören, sich doch gleichzeitig von ihr geistig unabhängig zu machen, auf die stillere Stimme des Judentums zu hören und dieses echt und doch in moderner Form und für den Menschen von heute wiederzugeben. Dazu bedarf es vieler Arbeit. Wir müssen in die Schätze des jüdischen Schrifttums hinabtauchen und sie ans Tageslicht ziehen. Die Meister unserer Predigt haben mit aller Kraft um das Judentum gerungen. Isaak Noa Mannheimer hat bekannt (zit.bei Maybaum, Jüd. Homiletik S. 182): „Ich brauche eine ganze Woche zu einer Predigt, lese alle Midraschim und Erklärer zum Wochenabschnitt genau durch, um auch das Volkstümliche an die allgemeine Wahrheit anzuknüpfen." Aus diesen Zeugnissen des jüdischen Geistes müssen auch wir schöpfen. Bibel, Talmud und Midrasch sind heute