Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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in weiten Kreisen unbekannt geworden, aber an einer Stätte müssen sie auch heute noch laut werden können, und das ist, neben dem Schulzimmer, die Kanzel. Von den höchsten und tiefsten Angelegenheiten des Menschen soll hier der Jude hören, aber nicht in einer Allerweltssorm, sondern im jüdischen Geiste. Und wenn selbst niemand sonst davon wüßte, so müßte doch wenigstens der Prediger sich in diese oft vergessene und doch so lebenskräftige Welt versenken und von ihr erzählen. Mannheimer fährt fort: „So ist es mir gelungen, das Interesse der Gemeinde durch vier Jahre hindurch immer zu steigern." Wenn wir die großen Gestalten der Bibel schildern, wenn wir auf die tiefen Ideen des Judentums Hinweisen und zeigen, wie sie die Seele unserer Satzungen und Einrichtungen sind, dann dürfen wir aus den gleichen Erfolg hoffen. Die Predigt ist keine beliebige Rede; sie steht im Dienste des Judentums. Fassen wir sie so auf, dann brauchen wir uns um den Erfolg keine Sorge zu machen. Das ist ja eine große Frage, ob die Predigt Erfolg hat, oder ob sie in den Wind hinein gesprochen ist. Es mag ihr wohl ergehen wie der Presse. Das einzelne Zeitungsblatt verfliegt, wir wissen oft nicht mehr, was wir gelesen haben, sobald wir es aus der Hand legen. Und doch ist die Presse eine gewaltige Macht. Auch die einzelnen Predigten mögen verwehen, die Predigt wirkt und bleibt. Sonst hätte sie sich nicht mit voller Kraft durch alle Zeiten erhalten können. Und wenn sie ihren jüdischen Charakter wahrt, wenn sie ihren Hörern sagt, was sie sonst nirgendwo anders erfahren, wenn sie der jüdischen Weltanschauung auch in unseren Tagen ein Sprachrohr schafft, dann hat sie nicht nur viel erreicht, dann ist sie unentbehrlich und ein Segen für das Judentum.