Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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141 „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt", wie der Vortrag, die freie, wenn auch nicht immer kunstgerechte, Rede stets im Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes gestanden hatte. Seitdem hat sich die Predigt überall, bei allen Richtungen, den Platz, der ihr gebührt, wieder erobert. Das Judentum hat im 19. Jahrhundert große Prediger hervorgebracht, die sich den bedeutenden Kanzelrednern anderer Bekenntnisse würdig an die Seite stellen. Berühmt wurden namentlich die Wiener Isaak Noa Mannheimer und Jellinek, der Berliner Michael Sachs und der Breslauer Rabbiner Manuel Joel. Heute hat die Predigt erhöhte Bedeutung gewonnen. Sie ist in unserem Gottesdienste das freie, bewegliche Element. Alles andere ist festgelegt, die Ordnung der Andacht, der Text der Gebete, die Melodien des Vorbeters. Die Predigt allein ist eine zwanglose, freie Schöpfung, gerade für diesen Sabbat, für das heutige Fest eigens bestimmt. Sie vermag dem Gottesdienst Abwechslung zu geben. Aber noch mehr. Sie ist ein Werkzeug, durch das wir neben den Stimmen der Vergangenheit auch dem Tag, seinen Bedürfnissen und seinen Forderungen im Gotteshaus Gehör verschaffen, durch das wir dem einzelnen Menschen und der einzelnen Gemeinde sagen können, was gerade sie brauchen, was ihnen gerade not tut. Dadurch erwächst ihr eine große Wichtigkeit. Sie ist ein verantwortungsreiches Amt geworden. Philippsohn (Die Rethorik und jüdische Homiletik), Maybaum (Jüdische Homiletik), Wohlgemutst (Beiträge zu einer jüdischen Homiletik) u. a. haben sich über die großen Fragen, die die Predigt stellt, ausgesprochen, und viele unserer Prediger, so Salomon, Mannheimer, Joel u.a. haben sich, namentlich in den Vorreden zu den Sammlungen ihrer Predigten, selber darüber geäußert. Wir wollen an dieser Stelle auf sie nur einfach verweisen und hier nur von einer einzigen wichtigen Forderung sprechen, der die Predigt von heute Nachkommen muß. Die Kanzel hat heute eine bestimmte Aufgabe. Sie kann einen, wenn auch geringen, Ersatz schaffen für