Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 138 - Talmud, und es ist deshalb schwer, Lesern, die dieser Welt fernstehen, ein Bild einer solchen Predigt zu geben. Vielleicht hilft ein einfaches und klares Beispiel, eine Probe der Predigten, die unsere Urgroßeltern noch entzückte. Es stammtausdemBuche„MinchathSchabboth", einem Kommentar zu den Sprüchen der Väter, 1847 erschienen, von Heimann Caro, damals Rabbiner in Pinne, einem reichen und feinen Geiste. Er fragt wo in der Bibel die Unsterblichkeit der Seele klar ausgesprochen sei. Und er führt als Antwort ein Bibelwort an, das anscheinend nichts zur Sache sagt, nämlich den Ausspruch des Jesaia „Es dorrt das Gras, es welkt die Blume, aber das Wort unseres Gottes besteht immerdar". Niemand wird hier eine Beziehung zur Unsterblichkeit der Seele entdecken, aber Caro findet sie, indem er einen anderen Abschnitt der Bibel heranzieht, der zunächst auch nichts mit dem Thema zu tun hat, nämlich die Schöpfungsgeschichte. Mit feinem Blick weist er darauf hin, daß die Schrift bei der Erschaffung der Welt ganz andere Ausdrücke braucht, als bei der Erschaffung des Menschen. Wenn die Pflanzen, die Fische und anderes Getier geschaffen werden sollen, spricht Gott: „Die Erde bringe Gewächs hervor" oder „Das Meer rege sich". Bei der Schöpfung des Menschen aber spricht er: „Wir wollen einen Menschen schaffen in unserm Ebenbilde." Pflanzen und Tiere erscheinen somit als Geschöpfe der Erde, der Mensch aber als Geschöpf Gottes, das durch Gottes Ausspruch, das Wort Gottes, erschaffen worden ist. So erklärt er nun den Vers des Jesaia: „Es dorrt das Gras, es welkt die Blume", was der Erde entstammt, vergeht, „aber das Wort unseres Gottes (das ist der Mensch) besteht in Ewigkeit". Und wenn man es so betrachtest ist das Wort des Jesaia in der Tat eine deutliche Anerkennung der Unsterblichkeit der Seele. Derartige Auslegungen sind selbstverständlich nicht etwa genaue Erklärungen des wirklichen Sinnes, sie sind ein Spiel des Scharfsinns, find geistreich, sind, wie dieses Beispiel zeigt, oft auch tief und schön.