Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 9)
- Language
- German
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134 Kultur die Juden beherrschte. Diese waren tief durchdrungen von griechischer Bildung und Philosophie und gleichzeitig treue Söhne des Judentums, sie verbanden in sich beide Kulturen mit einander. Ihr ganzes Denken legten sie in die Heilige Schrift hinein und glaubten, daß diese auch das lehre, was Demokrit und Plato sagen. Daher sagt einmal Philo in einer solchen Betrachtung: „die sinnlich wahrnehmbare Welt ist eine Nachahmung des göttlichen Bildes", und nach dieser Annahme erklärt er die ganze Heilige Schrift allegorisch. Er faßt ihre Erzählungen und ihre Gesetze wohl auch wörtlich auf, hauptsächlich aber gelten sie ihm als Gleichnisse und Sinnbilder für Ideen. So betrachtet er Abraham, Isaak und Jakob nicht sowohl als Personen, wie als die „Verkörperung der vernünftigen und beseelten Gesetze". Wenn von den Zügen der Erzväter die Rede ist, so ist dabei nach Philo vielmehr wie an die Schicksale von Menschen, an die Wanderungen „der tugendliebenden und den wahren Gott suchenden Seele" zu denken. So verflüchtigt sich ihm vieles, und die lebendigen Gestalten der Heiligen Schrift werden durch solche Deutungen zu wesenlosen Schatten. Seine Predigten haben zwar seinen Zuhörern sehr gut gefallen, auf die Folgezeit haben sie aber — wenigstens im Judentum — wenig Wirkung ausgeübt. Die Ideen der griechischen Philosophie erhielten sich nur in den Bibliotheken, die Menschen der Bibel aber lebten unsterblich im Volke weiter. Ihre große Zeit hat die originale jüdische Predigt später in Palästina und Babylon erlebt. Dort ist als Schwester der Halacha, der Gesetzeslehre, die Aggada entstanden, die uns den Glauben und die Ideale des Judentums in der Form der Dichtung verkörpert Mit tiefer Liebe ergriff der jüdische Geist und das jüdische Empfinden die Gestalten und die Gesetze der Schrift, sie gaben sich ihnen rückhaltlos hin, gestalteten ihr Bild mit lebendiger Phantasie aus, vertieften ihren Eindruck und ergänzten ihre Zeichnung. Wir kennen diese Predigten heute noch gut, denn ihre Trümmer sind in den großen Midrasch-Sammlungen enthalten. Die Liebe des Volkes