Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 8)
- Language
- German
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133 art einer Zeit erkennen. Philo von Alexandria, ein Prediger aus Italien oder aus Spanien, ein polnischer Darschan des 17. Jahrhunderts, ein deutscher Prediger von heute, das sind Gestalten, die anscheinend wenig Gemeinsames haben. Aber alle knüpfen sie an die Heilige Schrift an, diese gibt ihnen den gemeinsamen Boden trotz aller Mannigfaltigkeit ihrer Art;'wenn auch jeder in seiner Sprache redet, ihrem Sinne nach reden sie eine allen verständliche Sprache. Die Deraschah eines polnischen Predigers, etwa des „Dubner Maggid", liegt unserm Empfinden sehr fern, aber weil sie sich auf der Bibel aufbaut und sie häufig heranzieht, schlägt doch immer wieder ein vertrauter Ton an unser Ohr und erinnert uns, daß doch Geist von unserm Geist sich in der fremdartigen Hülle birgt. II. Wir sehen, die jüdischen Predigten sind alle aus einer Wurzel erwachsen und verraten deutlich ihre Herkunft. Ein Zug von Einheit beherrscht sie, aber nicht von Eintönigkeit. Wie jedes menschliche Antlitz aüs den gleichen Elementen zusammengefügt ist und doch nicht zwei Gesichter einander gleich sind, so herrscht auch in der Geschichte unserer Predigt bunte Mannigfaltigkeit unter der einförmigen Hülle. Sehen wir zu, wie man zu verschiedenen Zeiten in der Synagoge das Judentum verkündet hat. Die Predigt stammt aus Palästina und hat dort mit Moses und den Propheten gleich ihren Höhepunkt erstiegen. Sie hat auch dort, wie wir hören werden, später eine neue Blütezeit erlebt. Außerhalb des heiligen Landes hat sie früh bei den hellenistischen Juden Eingang gefunden. Manche Schriften des Alexandrinischen Philosophen Philo sind nichts als Wiedergabe von Predigten. Sie zeigen das allgemein jüdische Gepräge, aber sie muten uns zugleich seltsam an. Sie beruhen auf der Bibel, sie bilden Midraschim und geben solche wieder. Sie spiegeln nämlich die höchst eigenartige Weltanschauung wieder, die in den Ländern der griechischen