Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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131 Im einzelnen knüpft die Predigt nicht an die Bibel schlechthin an, sondern an einen bestimmten Vers. Das kann im einzelnen Fall für den Prediger wie für den Hörer lästig fein, wenn die Rede in einen fremden und nicht dazu passenden Rahmen eingefügt werden soll. Aber der Brauch kann auch große Vorteile bieten. Ist der Vers gut disponiert, dann hat der Hörer einen Anhalt und kann sich leichter den Zusammenhang der Rede merken. Sonst ist das schwierig, weil ein ziemliches Maß von Bildung dazu gehört, eine längere Rede im Ganzen zu erfassen. Die meisten merken sich nur, was sich auf ihr eigenes Geschick bezieht, wobei ihnen oft merkwürdige Mißverständnisse unterlaufen. Daher das Wort eines bekannten Predigers: „Ich meine keinen, wenn aber einer meint, ich hätte ihn gemeint, dann habe ich ihn gemeint." Eine Betrachtung, in der ich gelegentlich einmal auch von einem Leuchtturm gesprochen hatte, wurde mir längere Zeit später von einem amerikakundigen Zuhörer zitiert als „die Predigt, in der Sie meine Ueberfahrt nach Newyork geschildert haben". Ist der Text außerdem noch schön, so gibt er ohne weiteres der ganzen Predigt seine Weihe. Die Heilige Schrift bietet uns wunderschöne Worte. „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg, daß ich wandle in Deiner Wahrheit. Eine mein Herz, daß ich Ehrfurcht habe vor Deinem Namen." „Vertraue auf den Ewigen und tue das Rechte. Bleibe im Lande und weide die Treue". „Erkenne und nimm es Dir zu Herzen, daß so, wie eiü Vater seinen Sohn züchtigt, der Ewige, Dein Gott, Dich zurechtweist". Eine Rede mag für sich selbst schlecht sein, sie ist aber auch dann nicht wertlos, sobald sie wenigstens ein solches Wort dem Hörer nahebringt. Die Bibel gibt der Predigt noch mehr. Sie erweckt ihr ein Echo im ganzen Volke. Wenn der Prediger von ihr ausgeht und ihre großen Gestalten und Offenbarungen als Zeugen anruft, findet er Widerhall bei allen und wird von allen verstanden, von Alt und Jung, von Hoch und Nieder; auch die Kluft, die sonst Gebildete und Ungebildete von einander scheidet, ist dann überbrückt. Denn die Helden und Propheten der Bibel, bei jüdisch 9*