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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 130

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Die Predigt im Judentum
Date
1914-01-01
Page
Seite 130 (sequence 5)
Language
German
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— ISO — empfängt von ihnen auch den großen und reichen Inhalt. Die Heilige Schrift ist ein ewiges Meer, und alle Predigt kann sie nicht erschöpfen. Ein Abraham, ein Jakob, ein Joseph, ein David, Adam und Eva, Sara und Rebekka geben immer neue Rätsel auf und lassen unsere Aufmerksamkeit nicht los. Von dem Größten von allen, von Mose, zu reden, wird man nicht müde. Auch die Gesetze reizen zu immer neuer Durchdringung. Frühere Geschlechter haben vor allem in den Opfergesetzen die tiefsten Symbole für alles Leben gefunden. Die heutige Generation wird mehr von den Problemen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens gefesselt. Und gerade dieser Neigung kommen die altjüdischen Staatsgesetze, die uns die Bibel ausbewahrt hat, überraschend entgegen. In den Gesetzen zum Schutze der Armen, der Witwe und der Waise, in den Maßregeln zugunsten der Tagelöhner sehen wir Gedanken verkörpert, die wir sonst gerne als neuentstandene Ziele unserer Zeit betrachten. Jesaias zürnendes Wort „Wehe denen, die Haus an Haus rücken und Feld an Feld reihen, bis kein Raum mehr da ist, als wäret ihr allein ins Land gesetzt" betrachtet eine ganz moderne Bewegung, die Bodenreform, als ihr Motto. Zu dem gewaltigen Pathos der Seher und Propheten gesellt sich sodann in den Sprüchen Salomos die nüchterne und praktische Weisheit der Welt. Der junge Rabbiner hat beim Eintritt ins Amt oft die Sorge, ob er denn auch wohl noch Stoff für seine Predigt haben werde, wenn er mehrere Male den gleichen Schriftabschnitt behandelt habe. Aber diese Besorgnis verschwindet rasch. Die Welt der Bibel wird bei näherer Betrachtung immer größer, wie die Kleinwelt unter dem Mikroskop. Und sicherlich können viele Prediger aus eigener Erfahrung bestätigen, was Joel am Eingang einer Predigt bemerkt: „Als ich meiner Pflicht gemäß die Erzählung des Auszuges aus Aegypten, die Grundlage unserer heutigen Festesfeier, wieder einmal durchging, da blieb mein Auge haften an einem Sätzchen, über das ich sonst gleichgültig hinweqsah, und das mir auf einmal bedeutungsvoll erschien."

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