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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 129

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Die Predigt im Judentum
Date
1914-01-01
Page
Seite 129 (sequence 4)
Language
German
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129 sein Verlangen, sich an diese anzulehnen. Wir begegnen dieser Neigung überall. Nicht nur der Prediger beruft sich auf die Bibel, nicht nur der Fromme freut sich, wenn er seiner Stimmung durch einen Psalmvers Ausdruck leihen kann; nein, diejenigen, die der Bibel fremd geworden sind, haben sich dafür eigene Götter gewählt. In Kreisen, die dem religiösen Leben fernstehen, wird Goethe mit größter Andacht zitiert, und die Verehrer des großen Dichlers tun sich etwas darauf zugute, wenn sie nicht etwa die bekannten, durch den Gebrauch abgegriffenen Worte anführen können, sondern entlegene Aeußerungen aus Briefen und wenig gelesenen Werken. Für andre wieder ist Bismarck an die Stelle der Bibel getreten. Moderne protestantische Geistliche haben nicht mehr über biblische Texte gepredigt, sie haben deshalb aber nicht etwa freie Reden gehalten, sondern einer von ihnen hat Schiller- und Goethepredigten, ein anderer Zarathustra-Predigten veröffentlicht. Wir halten demgegenüber an dem Grundsatz fest, den einst Rabbi Akiba einem Besucher aufgestellt hat: „Wenn Du Dich aufhängen willst, hänge Dich an einen großen Baum." Dieser anscheinend unheimliche Rat ist nicht etwa eine Anweisung für Selbstmörder, sondern er will sagen: „Wenn Du Dich an eine Autorität anschließen willst, so schließe Dich an die größte an, die Du finden kannst." Deshalb halten wir nicht freie Reden, sondern wir bauen auf einer gegebenen Grundlage. Und wir predigen nicht über Goethe und nicht über Nietzsche, sondern über das Grundbuch des Judentums, über unsere Heilige Schrift. Diese Sitte ist mehr als eine bloße Uebung der Prediger oder ein Requisit der homiletischen Technik. Die Heilige Schrift gibt vielmehr der Predigt ihren würdigen und bedeutenden Inhalt, sie macht sie zu einer volkstümlichen Rede, und sie verbindet die jüdischen Prediger aller Zeiten und Länder. Die Predigt verdankt den Urkunden unseres geistigen Lebens, den Büchern Moses,, den Propheten, den Psalmen, den Werken der Rabbinen, den jüdischen Stempel, sie wird durch sie selber zu einem Dokument des Judentums. Aber sie 9

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