Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 3)
- Language
- German
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128 aus dem Rauschen heiliger Bäume, sie waren gewöhnlich auch die Träger der .Weisheit ihres Volkes, aber sie behielten sie bei sich. Das Judentum erst schuf die Predigt und stellte die Macht der Rede, die bei anderen Nationen nur im Gerichtssaal, in der Volksversammlung, auf dem Katheder ihre Stätte gefunden hatte, in den Dienst des Gotteshauses. Von der Synagoge aus hat sich dann die Predigt weithin verbreitet. Heute wird in allen Weltteilen gepredigt, in allen Gotteshäusern, in den Synagogen wie in den Kirchen. Die Predigt im Judentum ist aus der Thoravorlesung erwachsen, diesem Zentrum unseres Gottesdienstes. Der Vortrag der Lehre Moses ist als Verkündigung des Gotteswortes selbst schon eine Predigt in kürzester, konzentrierter Form. Er hat für die ganze Geschichte des Judentums die stärksten, fruchtbarsten Anregungen gegeben. Als das Volk die hebräische Sprache nicht mehr genügend verstand, wurde die Thora in die Landessprache übertragen, und diese Uebersetzungen, namentlich die griechische, die Septuaginta., sind die Sendboten unserer Religion geworden und haben ihr unter den Völkern des Altertums zahlreiche Anhänger geworben. An die Thora knüpfte'sich die Forschung in der Lehre, die Ausbildung des Religionsgesetzes, die Halacha, die später im Talmud ihren Ausdruck gesunden hat, und neben diese trat als ihre Schwester die Aggada, die freie Ausdeutung des Bibelwortes. Aus ihr entwickelte sich die eigentliche Predigt. In ihrer ganzen Entwicklung tritt ihre Quelle und ihr Ursprung, die Thora, stark hervor, sie bildet überall die Grundlage für den Prediger. Das ist geschichtlich begreiflich und wiederum in der menschlichen Seele fest begründet. Wir knüpfen überhaupt gerne unsere eigenen Gedanken an die eines Größeren an, um sie dadurch zu rechtfertigen und zu stärken. Daher kommt die Neigung zum Zitieren. Sie kann zuweilen eine Schwäche sein, Ausdruck des Wunsches, mit Bildung zu prunken, sie ist aber in ihrem Grunde ein Zeichen für die Ehrfurcht des Menschen vor den großen geistigen Mächten und für