Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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127 eröffnet, daß seine Hörer zwar mit großem Interesse und lebendiger Anteilnahme seiner Rede folgen würden, aber nicht daran dächten, seine Forderungen zü beherzigen. „Du bist für sie wie ein Liebeslied, das mit schöner Stimme und schönem Saitenspiel vorgetragen wird, sie werden Deine Worte anhören, aber nicht danach handeln." Trotz dieser Verkennung hat sich aber die Predigt unverwüstlich erhalten, weil sie einem tiefen Triebe des menschlichen Gemütes entspricht. In jedem Menschen steckt, ihm selbst oft unbewußt, ein Philosoph. Nirgends begnügen wir uns mit den bloßen Tatsachen, überall wollen wir sie deuten, aus ihnen lernen, in den Ereignissen der Wirklichkeit den Finger Gottes schauen, wie ihn die Zeichendeuter einst in den ägyptischen Plagen fühlten. Wenn wir das Wort „Predigt" in einem weiteren, freieren Sinne nehmen, nicht als technischen Ausdruck für die gottesdienstliche Rede, dann ist sehr viel geistige Arbeit auf allen möglichen Gebieten Predigt. Denken wir an die Geschichte. Ihr Tatsachenmaterial könnte in Tabellen, Zahlenreihen, Geschlechtsregistern erschöpfend dargestellt werden, aber das würde niemand »befriedigen und anlocken. Vom Geschichtsschreiber verlangen wir noch mehr, wir erwarten von ihm, daß er uns die Facta deutet, daß er uns in der Weltgeschichte das Weltgericht schauen lasse, daß er zum rückwärts gewendeten Propheten werde. Wenn wirklich das Beste an der Geschichte die Begeisterung ist, die sie erzeugt, dann ist ihr bester Teil Predigt. Und Predigt in solchem Sinne sind auch die Aufsätze von Schopenhauer, wie die Betrachtungen von Nietzsche. Solche Predigt füllt zu einem guten Teil die Spalten unserer Blätter, auch ohne daß sie sich in das Gewand der geistlichen Rede hüllt. Aber die Predigt im engeren Sinne, die Rede im Gottesdienst, ist eine Schöpfung des Judentums. Die Priester der heidnischen Religionen hatten keine Offenbarungen zu verkünden. Sie hatten Opfer darzubringen und sollten die Zukunft Voraussagen aus den Eingeweiden der Opfertiere, aus Zeichen am Himmel oder