Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Predigt im Judentum
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Rabbiner Dr. Max Gschelbacher-Düsseldorf. I. ®ie deutschen Rabbiner haben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zweimal im Jahre gepredigt, an zwei besonders ausgezeichneten Sabbaten. Das genügte für jene Zeit. Die Predigt war nicht so wichtig, wie heute, well man auf vielen Wegen auch ohne sie vom Judentum erfahren konnte. Neben der Synagoge stand ja gewöhnlich das Lehrhaus, hebräische Bücher fand man in allen Häusern, die jüdischen Feste waren zugleich allgemeine Volksfeste, überall atmete man die Luft des Judentums, und auch ohne das Wort von der Kanzel vernahm man die Stimme der Religion. Im Zeitalter der Emanzipation hat sich vieles geändert. Die Lehrhäuser verfielen und gingen ein, die folgende Generation las nicht mehr Bibel und Raschi, die Kenntnis unserer Lehre wurde selten. Die Kanzel ist infolgedessen neben der Schule fast die einzige Stätte geworden, auf der dauernd das Judentum, seine Lehre, seine Geschichte, seine Forderungen und seine Verheißungen zu Worte kommen können. Darum hat die Rede im Gottesdienst für uns heute eine Wichtigkeit, die ihr vor 150 Jahren nicht zukam. Die Hörer nehmen sie oft weniger wichtig. Sie betrachten sie als eine Rede, die im Gotteshause gehalten wird, wie andere Reden an anderen Orten, und sehen in ihr mehr oder weniger eine interessante Unterhaltung. Diese Auffassung, die dem Wesen und der Bedeutung der Predigt nicht gerecht wird, ist sehr alt. Schon die Propheten hatten darüber zu klagen. Als Ezechiel seine Wirksamkeit begann, wurde ihm die bittere Aussicht