Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 31)
- Language
- German
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95 Sittenreinheit und lauteres Tun als selbstverständliche Voraussetzung. Fehlte letzteres, hat man dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß der Goldgehalt des Wissens durch unlautere Gesinnung entwertet wird. Weil der Gelehrte die Ehre durch Freiheit des Denkens zu wahren hatte und sich durch Bedürfnislosigkeit unabhängig von den Menschen erhalten mußte, kann die ihm zu erweisende Ehre als Anerkennung für sein Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit bezeichnet werden. Die ihm zuteil gewordene Ehre bestand in der Hochschätzung, die dem geistig höher Stehenden aus vollem, freiem Antriebe dargebracht wurde. Wohl scheinen die Ehrungen nur äußerer Natur zu sein, wie Titel, Steuersreiheit usw., aber schon die Titel beweisen, daß man ihm gegenüber mit Ehrungen nicht kargte, sondern das höchste bot, was Menschen bieten können. Stellte man ihn doch den Engeln gleich, und wurde er wie das ״Buch der Thora" verehrt. Die ihm gebotene Ehre, wird zur Verehrung. Es erübrigt noch die Frage zu erörtern, ob den der jüdischen Wissenschaft Obliegenden, heute noch dieselbe Ehrerbietung entgegengebracht werden muß, wie man sie dem Gelehrten alter Zeit entgegenzubringen verpflichtet war. Dabei müßte die Vorfrage gelöst werden, ob es heute noch einen Talmid Chacham gibt. Der Ausspruch, ״daß es einen Talmid Chacham ׳in unserer Zeit nicht mehr gibt." ist längst gefallen. Freilich, jene Bedingungen, deren Erfüllung in alten Zeiten an den Talmid Chacham gestellt wurden, können so leicht nicht erfüllt werden. Er sollte nicht nur sittlich untadelig sein, in theologischenDingenBescheid wissen,er mußte auch mit allen Einzelheiten der Mischna, Gemara, Halacha usw. vertraut sein. Gegen jenen Satz aber, ״daß es in unserer Zeit keinen Talmid Chacham mehr gebe," ist schon längst Widerspruch erhoben worden*) und mit Recht. Jede Zeit stellt ihre Forderungen und legt den Maßstab sowohl an das sittliche Bewußtsein, wie an das, was als Wissen- ף S. Pachad Jizchak Art. Talrn. Chach. bisinan Hase.