Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 32)
- Language
- German
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96 schaft zu gelten hat. Und wenn wir uns gerne den Geisteshelden der Vergangenheit beugen, so dürfen wir doch den Satz für uns beanspruchen: ״Israel ist nicht verwaist." Das galt zu allen Zeiten und gilt auch heute auf dem Gebiete jüdischen Wissens. Der Satz, daß es heutzutage keinen Talm. Chacham gibt, scheint einer Zeit arger Bedrängnis anzugehören, da man dem Studium nicht die gehörige Muße zuwenden konnte, oder er hat seine Quelle in allzugroßer Bescheidenheit. Nannte man die alten Lehrer Chachamim, die Weisen, so nannten sich deren Nachfolger ״Schüler der Weisen." Die Nachfolger dieser sahen mit Bewunderung zu diesen Lehrern empor und verzichteten auch auf den Titel, den die letzteren trugen. Es ist die größte Huldigung, die sie ihnen darbringen konnten. Gleichviel nun, ob man den Männern der jüngsten Vergangenheit, oder denen, die in der Gegen-, wart der jüdischen Wissenschaft obliegen, den Titel Chacham oder Talm. Chacham zuerkennt oder nicht, dieselbe Pflicht wie den Lehrern der alten Zeit liegt ihnen ob, dieselbe Achtung können sie heischen, dieselbe Ehrerbietung ist man ihnen schuldig. Und wenn unsere Zeit sich dagegen sträubt, den Mann nur nach seinen Erfolgen schätzt, versäumt sie ihre sittliche Pflicht. Die Studierstube des jüdischen Gelehrten ist heute, wie ehemals, mit dem Geiste, den sie wahrt und entwickelt, die Erbauerin, Erhalterin der jüdischen Religion, des Judentums. (Fortsetzung folgt.)