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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 85

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Die Ehre im Talmud
Date
1914-01-01
Page
Seite 85 (sequence 21)
Language
German
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— 85 — das Tor gefertigt ohne das Haus zu besitzen?) denn die Weisheit ist nur die Pforte, die zur Gottesfurcht führen soll. In ihr und in der Sündenscheu hat die Weisheit ihre besten Stützen, wo jene fehlen hat diese keinen Bestand^) Der Gelehrte ohne Gottesfurcht, so lautet ein anderer Spruch, ist ein Schatzmeister, der die Schlüssel zu Len inneren Gemächern, aber nicht zu den äußern besitzt?) Nachdem wir vom Wesen des Talmid Chacham, von den an ihn gestellten Forderungen gesprochen, wenden wir uns den ihm zukommenden Ehrenrechten zu. Diese, wie noch besprochen werden soll, durfte Wohl, aber sollte der Weise nicht fordern. Sie sollten freie, nicht geforderte, noch weniger erzwungene Anerkennung seitens ' der Menschen sein. Vor Allem aber muß er sich dessen bewußt sein, daß die 'ihm erwiesene Ehre nicht seiner Person, sondern der durch ihn vertretenen Thora gilt. Der Gelehrte, seiner Schwäche, Sündhaftigkeit usw. sich bewußt, nimmt jede Ehrung im Namen der Thora entgegen. Diese Scheidung zwischen der Person und der durch sie vertretenen heil. Sache läßt sich nach Außen hin nicht immer leicht kenntlich machen. Der Weise kann es nicht alle Tage und nicht Jedermann sagen: Ich nehme die Ehre nur an, weil ich glaube, daß Thora und Chochma mehr oder minder in mir vertreten sind. So kann es kommen, daß gerade jener, der das Gebot, die Thora zu ehren, gewissenhaft erfüllen will, in den Verdacht gerät, ein Ehrenstreber zu sein. So erfüllt sich auch hier, daß ein schöner sittlicher Gedanke bis zur äußersten Konsequenz durchgeführt, in Wirklichkeit, oder dem äußern Scheine nach in sein Gegenteil Umschlagen kann. Wenn im Neuen Testament die Pharisäer getadelt werden, daß sie nach allen Ehrenstellen streben, die ersten Sitze einnehmen usw., kann zugestanden werden, daß es vielleicht manchen Heuchler unter ihnen gegeben haben x) Wörtlich: Wehe dem, der keine Wohnung hat und die-Tür zur Wohnung macht. Sabbat 31 und Joma 72b. 2) Abot 3. 3) Sabbat 31b.

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