Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Die Ehre im Talmud
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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71 geräumten Ehren sind: Der Priester liest zuerst den Thoraabschnitt, er spricht den Segen beim Mahle, hält den öffentlichen Vortrag und wenn es zur Teilung eines Gutes kommt, sei ihm, bei ungefähr gleichem Werte, die Wahl überlassen?) Diese Anordnungen mußten getroffen werden, nachdem im Laufe der Zeit dem Priester nichts als der Tempelkultus verblieben war. In den Urzeiten als man in dem Priester den Wahrsager, Propheten, Arzt, Lehrer usw. sah, die Tätigkeit eine mannigfaltigere gewesen, war auch die Verehrung notwendig eine größere. Als die Prophetie auf Laien überging, dann ganz aufhörte, die Gelehrten einen besonderen Stand bildeten, man auch Heilung nicht von den Priestern, wenigstens nicht ausschließlich forderte, sie, wie gesagt, auf den Kultus im Tempel beschränkt blieben, sank auch allmählich die Achtung vor ihnen. Ueberhaupt müssen in betreff der den Priestern erwiesenen Ehren die Zeiten unterschieden werden. Es gab solche, in denen sie in hohen Ehren standen, wieder andere, in denen sie fast der Verachtung anheimsielen. Es lag dieser Wechsel teils in dem oben angegebenen Umstand, teils in der Lebensführung der Priester, in der Art wie sie ihren Beruf ausfaßten und erfüllten. Nicht wenig trug zur Abnahme der Ehrerbietung bei, daß zur Zeit des zweiten Tempels fortgesetzt Uebergriffe der Priester in politische Angelegenheiten stattfanden, sowie der Umstand, daß sie sich nicht mehr mit der Krone des Priestertums begnügten, sondern lüstern nach der Krone des Königtums ausschauten. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen ihr Verhalten den Stand herabwürdigte, sie der Verachtung preisgegeben waren, worauf hinzuweisen der Talmud nicht unterläßt?) Wir wollen uns darüber nicht Wundern, daß sich diese wie andere Mißstände einschlichen. Das war immer und überall der Fall, wo Menschen in solch großer Zahl zu wirken berufen 1) Gittin 59 a/b. Raschi zur Stelle. 2) Pestachirn 57a.