Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 4)
- Language
- German
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23 gar auf ihre sonst bekundete Abneigung gegen das Judentum zurückzuführen. Man hat mit Recht darauf hingewiesen, daß heidnische Schriftsteller, die das Judentum zu verspotten pflegten, und ihm aus Unkenntnis Menschenfeindlichkeit'nachsagten, von der Ritualmordlüge mit keinem Worte sprechen. Gegen Juden tritt diese Anschuldigung erst seit dem 13. Jahrhundert auf, hingegen wurde das Christentum schon in sehr früher Zeit von Böswilligen unter dem Vorwand des Ritualmordes angefeindet. Ein Kirchenvater meint mit gerechter Entrüstung, daß nur Menschen, die selbst solcher Niedertracht fähig seien, ihren Mitmenschen solche Scheußlichkeiten zumuten können. Wie denn aber, wenn z. B. in China dieser schwere Vorwurf gegen Christen erhoben würde mit der Begründung, daß das Christentum seit den ältesten Zeiten unter diesem Verdacht gestanden habe? Ich bin fest überzeugt, daß jüdische Gelehrte, soweit sie sich mit der Erforschung des Christentums befaßt haben, nicht einen Augenblick zögern würden, einer solchen Verleumdung, die der geschichtlichen Wahrheit ins Gesicht schlägt, nüt aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Mögen sie sich sonst noch so ablehnend gegen das Christentum verhalten, müssen sie doch alle von dem ethischen Lehrsatz des Judentums beherrscht sein, daß auch die abweichende religiöse Ueberzeugung ein Recht auf Achtung und rücksichtsvolle 'Behandlung hat, und daß man vor allem keine Religionsgemeinschaft mit den Waffen der Lüge und der gehässigen grundlosen Anschuldigung bekämpfen darf. Es braucht aber wohl kaum erst gesagt zu werden, daß wir Juden uns in der felsenfesten Ueberzeugung von der Wahrheit, d. h. von dem hohen ethischen Wert des Judentums durch solche Vorgänge nicht werden beirren und erschüttern lassen. Alle offenen und versteckten Anfeindungen gegen diese große und ewige Idee der Menschheit werden am Ende wirkungslos abprallen. Die jüdische Geschichte rechnet nicht mit Jahrzehnten oder Jahrhunderten, sondern mit Jahrtausenden. Das Judentum hat schon größeren Stürmen getrotzt und alle überdauert.