Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 3)
- Language
- German
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22 tief beschämend, daß sich „rechtgläubige" griechischorientalische und katholische Lehrer des Christentums gesunden haben, die in dieser Sache der Anklagebehörde als Eideshelfer beisprangen. Im günstigsten Falle kann man bei ihnen von Unwissenheit und Frivolität sprechen. Und wie verhält sich die zivilisierte Welt gegen diese schmachvollen Vorgänge? Es muß anerkannt werden, daß viele wahrheitsliebende Christen laut und entschieden gegen diese Lüge protestiert haben. Männer aus den verschiedenen Berufen, unter ihnen, auch katholische und protestantische Geistliche in hoher Stellung, haben ihre Stimme für Wahrheit und Recht erhoben und das Märchen vom Ritualmord als das bezeichnet, was es in Wirklichkeit ist: als eine Ausgeburt der menschlichen Niedertracht, unter der zuerst die Christen zu leiden hatten, als heidnische Verleumder mit dieser Beschuldigung gegen sie auftraten und sie damit zur Verzweiflung brachten. Erst im späten Mittelalter tauchte diese Beschuldigung gegen dieJuden auf, und da waren es Christen, die sie als Vorwand zu blutigen Judenverfolgungen benutzten. Das freimütige und menschenfreundliche Eintreten ehrlicher Geister für einen grundlos Angeschuldigten ist gewiß mit Dank anzuerkennen. Und doch scheint mir, daß die Protestkundgebungen entschiedener und wirkungsvoller hätten lauten müssen, wenn alle zivilisierten Menschen von dem Gefühle « der menschlichen Solidarität beherrscht wären, und das Gebot der allgemeinen Menschenliebe, wie sie das Judentum zuerst gelehrt hat. für alle eine sittliche Wahrheit geworden wäre. In früheren Jahrhunderten haben hohe ' geistliche Würdenträger und christliche Gelehrte das Judentum gegen die Beschuldigung des Ritualmordes in Schutz genommen. In unserer Zeit liegt diese Pflicht allen christlichen Theologen ob, da sich jetzt jedermann leicht über den Sachverhalt unterrichten kann. Es sind, hervorragende protestantische Theologen bekannt, die zu dieser schweren Beschuldigung geschwiegen haben. Und da bei ihnen nicht Unkenntnis angenommen werden kann, so bleibt ihr passives Verhalten ein Rätsel, denn es füllt mir schwer, es auf Mangel an Freimut oder