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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1914-01-01 · 17 (1914) · p. Seite 16

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
17 (1914)
Article
Rückblick auf das Jahr 5673
Date
1914-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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16 In dem Bruderlande Oesterreich bewahrt die Regierung den Juden gegenüber , eine gerechte und gesetzliche Haltung, wie die Beförderung von Israeliten zu hohen richterlichen Stellungen bezeugt. Dagegen treibt in der Bevölkerung der Antisemitismus noch weiter sein wildes und wüstes Wesen. Die deutschnationale Studentenschaft Wiens verweigert ihren jüdischen Kommilitonen jede Satisfaktion und schlägt sich vielmehr mit ihnen in pöbelhaften Knüttelschlachten herum. Diese Ruhmestaten ließen die deutschnationalen Studenten der Universität in Czernowitz nicht schlafen, und so erhoben auch diese den Streit, bei dem sie aber den kürzeren zogen, nachdem die ruthenischen und polnischen Studenten sich den jüdischen angeschlossen hatten. Der „Deutsche Schulverein" in Oesterreich hat offen seinen antisemitischen Charakter, den er bisher stets verleugnet, dargetan, indem er grundsätzlich nur christliche Lehrer „arischer" Abkunft anstellt. Es steht zu erwarten, daß alle jüdischen Mitglieder in Deutschland wie in Oesterreich, die bisher diesem Vereine reiche Mittel zu Gebote gestellt haben, nunmehr aus ihm ausscheiden. Es ist das einselbstverständliches Gebot der Selbstachtung für jeden Israeliten. So wirkt der Antisemitismus der Deutsch-Oesterreicher zum schlimmsten Schaden des Deutschtums im Kaiserstaate, und dessen steter Rückgang ist eine Folge seiner blinden Leidenschaftlichkeit und seiner selbstmörderischen Torheit. Das dort ebenso zahlreiche wie sozial kräftige jüdische Element, das stets der treue Verbündete der Deutschen gegen das Slaventum gewesen war, stößt er gewaltsam in die Reihe der Gegner. In Böhmen und Mähren tauchten bald hier bald dort unter der zurückgebliebenen und oft von geistlichen Hetzern verleiteten Bevölkerung das Märchen vom Ritualmorde wieder auf. Allein es hatte immer nur kurze Dauer, die Tatsachen erwiesen jedesmal seine Grundlosigkeit. Aber wehe, wenn einmal unglückliche Umstände die Entdeckung des wahren Tatbestandes vereiteln sollten! Man muß sich dann auf erneute schlimme Exzesse gegen Unschuldige gefaßt machen.

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