Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5673
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 richten anerkannt worden! Auf diese barbarische Weise, mit so blutigem Hohn auf Recht und Gerechtigkeit belohnen die russischen Barbaren die Vaterlandsliebe und Selbstaufopferung der Juden. Und vor diesen Barbaren knieen das demokratische Frankreich und das freie England mit demütigen Bewerbungen um ihr Bündnis. Es ist schwer, keine Satire zu schreiben. Eine besonders gehässige Seite des Verfahrens der russischen Regierung ist die hartnäckige Verfolgung eines Ritualmordprozesses. Vergebens hat nicht nur die gesamte Judenheit gegen die verruchte Aufwärmung einer tausendmal widerlegten Anschuldigung Verwahrung eingelegt, sondern auch eine große Anzahl russischer christlicher Schriftsteller. Man will eben die Juden moralisch in den Augen des russischen Volkes vernichten, mit wohl bewußter Unwahrhaftigkeit. Auch der Kampf gegen die jüdische Geistesbildung wütet in Rußland munter fort. Die Beschränkung der jüdischen Zöglinge der höheren Schulen und Universitäten auf einen geringen Prozentsatz wird mit Strenge durchgeführt, selbst wenn dadurch solche Anstalten, wie einige Gewerbe- und Handelsakademien, wo bisher die Juden die ungeheure Mehrheit der Hörer bildeten, zum Erlöschen gebracht werden. Man verschließt grundsätzlich den Israeliten einen der wenigen freien Berufe, zu denen sie noch zugelassen waren, den Advokatenstand. Eine Besserung dieser unerträglichen Verhältnisse ist nicht abzusehen. Es bleibt nur Eins übrig: massenhafte Auswanderung, um das in sich noch kräftige und begabte jüdische Element Rußlands in anderen, freieren und glücklicheren Gegenden sich entfalten zu lassen. Einen ganz besonderen Charakter hat das Unglück der Juden im russischen Polen angenommen. Man kennt den nationalen und religiösen Fanatismus der klerikalen Mehrheit des polnischen Volkes; es hat solchen allerorten und in allen Perioden seiner Geschichte erwiesen. Unvergessen bleibt die unerbittliche Verfolgung der protestantischen und griechisch-orthodoxen „Dissidenten"