Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 17 (1914)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5673
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 durch die Polen, so lange Liese noch Herren im eigenen Lande waren, bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Noch heute wohnen wir der Unterdrückung der fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachenden Ruthenen in Galizien durch die Polen bei. Kein Wunder, daß diese doppelte Ausschließlichkeit nur nach einem Vorwände suchte, sich auch gegen die Juden in Russisch-Polen zu betätigen. Sie fand ihn bei den Dumawahlen. Die polnisch Nationalen in Warschau hatten als Kandidaten einen Mann aufgestellt, der sich als Antisemit bewährt hatte und eine Anfrage von Seiten der Juden, ob er für ihre volle Gleichberechtigung eintreten wolle, mit „nein" beantwortete. Darauf stimmten die -Warschauer Juden mit Recht nicht etwa für einen der Ihrigen, sondern für den polnischen Sozialdemokraten, der sich für die Gleichberechtigung erklärt hatte, und verschafften ihm die Mehrheit. Und weil so die Juden keinen Selbstmord hatten begehen wollen, erklärte ihnen die polnische „Gesellschaft" den Krieg und verhängte über sie einen Boykott, der mit wildem Hasse und beispielloser Konsequenz gegen alle jüdischen Ladenbesitzer, Marktleute und Handwerker durchgeführt wird. Man will die Juden „in aller Ruhe" aus dem Lande drängen, „ohne alle Exzesse", wie die polnische Presse sagt. Mit raffinierteren Methoden ist wohl nie ein Boykott geführt worden. Selbstverständlich antworten die Juden mit dem Boykott der polnischen Geschäfte und Handwerker. Der wirtschaftliche Bürgerkrieg durchtobt das Land, und die russische Regierung, die in Polen und Juden Gegner sieht, reibt sich über deren Zwist vergnügt die Hände. Das sind nun dieselben Polen, die ein Zetergeschrei erheben und sich als Freiheitsmärtyrer hinstellen, wenn etwa die preußische Regierung eine Maßregel gegen ihre nationalistische Propaganda in Posen und Westpreußen trifft. Diese widerwärtige Freiheits- und Rechtsheuchelei der Polen hat sie übrigens in Deutschland und Oesterreich, das heißt in den Ländern, wo man sie kennt, um alle Sympathien gebracht. Sie täten klug daran, sich die Folgen ihrer Handlungsweise zum Bewußtsein zu