Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Pharaos Erben
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111098-3115988--4554-3116282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
265 „Ich sagte ja schon früher," erwiderte der Geschichtslehrer. „daß Pharao ein gutherziger König war; er wollte gar nicht die Juden aus dem Lande jagen, sondern vielmehr sie alle von ihrem Aussatz heilen; ja, er ging so weit, daß er zu dieser beratenden Versammlung auch den Oberrabbiner von Gosen eingeladen hatte, um auch seine Ansichten darüber zu hören." „Und einen solchen Monarchen," rief von Fressendorf empört, „wagen die Juden als Kindermörder zu bezeichnen! Diese undankbare Brut!" „Selbstverständlich," fuhr der Geschichtslehrer fort, „leugnete der Rabbiner alles und hatte die Stirn zu behaupten, daß nicht die Unreinlichkeit der Juden die Ausbreitung des Aussatzes verursacht hätte, sondern die Sümpfe und unreinen Flüsse Gosens wären es gewesen, die dieser Krankheit Vorschub leisteten. Bei dieser Gelegenheit sprach er auch über das zusammengedrängte Leben der Juden in dieser Provinz, über ihre Armut und ihr trauriges Geschick. Doch niemand achtete auf ihn, denn ein Magier führte den statistischen Nachweis, daß das Umsichgreifen des Aussatzes nur der Unreinlichkeit der Juden zuzuschreiben sei. Diesem stimmten auch die Priester bei, und alle sagten: diese Behauptung lasse sich nicht in Abrede stellen. Denn während die jüdischen Frauen wenigstens einmal monatlich ein Bad nehmen, scheuen die jüdischen Männer das Wasser wie tolle Hunde und fühlen sich, wie Schweine, wohl in ihrem Unrat. Die Räte und der König hatten auch bald die Ueberzeugung gewonnen, daß der Rabbiner diese Gelegenheit benutzen wollte, um einige Rechte für seine Glaubensgenossen zu erlangen, und sie jagten ihn aus dem Beratungssaale." „Bravo, bravo!" riefen alle. „Hoch lebe Pharao!" Und sie tranken ein Glas auf das Wohl Pharaos, ein zweites auf das Wohl seiner Räte, ein drittes auf das Wohl der Priester und ein viertes auf das Wohl — des Aussatzes.