Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Pharaos Erben
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 7)
- Language
- German
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261 „Sehr richtig," versetzte von Fressendorf. „Wer das Volk der Juden ausrotten will und die Frauen verschont, Lessen Mühe ist vergebens. Ich will es Ihnen, meine Herren, aus der Geschichte beweisen, und ich hoffe, daß unser Herr Geschichtslehrer mir zustimmen wird: Wer hat dem Laban die heiligen Bilder gestohlen? Seine Tochter Rahel, die durch die Heirat mit Jacob zum Judentum übergetreten war." „Es stimmt," bestätigte Stanisla Bogdan. „Wer hat den Sisra getötet? Das Judenweib Jael. — Wer hat Holofernes enthauptet? Die berückende Judenhexe Judith." „Es stimmt, 's stimmt," riefen die anderen. „Wer hat Haman an den Galgen gebracht? Esther. — Wer hat es bewirkt, daß Casimir der Große, allen Edelleutert zum Trotz, den Juden in Polen besondere Rechte -eingeräumt hat? Esther II." „Es stimmt," sagte der Geschichtslehrer, „und ich -freue mich, daß gerade Sie, Herr von Fressendorf, mit Ihren Geschichtskenntnissen sich uns angeschlossen haben." „Indessen", fuhr er nach einem kräftigen Schluck fort, „dürfte es nicht ausgeschlossen sein, daß dem projektierten neuen Gesetze noch eine besondere Ursache zu Grunde liege. Sie müssen wissen, meine verehrten Herren, daß in der Geschichte das Gesetz der Vergeltung vorwaltet, ein jedes Volk wird nach seinen Handlungen gerichtet. Wer einen Stein in die Lust wirft, der ist der Gefahr ausgesetzt, daß der Stein auf sein Haupt zurückfällt, sagt ein Brahmine, und dieses Wort ist wahr, wenn auch die Brahminen keine Christen, aber doch keine Juden sind; wer eine unreife Frucht ißt, sagen die Kirchenväter, dessen Zähne werden stumpf." „Aber verehrter Herr," rief ungeduldig der Provisor, „wozu die lange Vorrede? Sagen Sie uns doch gefälligst, was war das für eine unreife Frucht, die die jüdischen Weiber genossen haben." „Nur Geduld, junger Herr," unterbrach ihn der Geschichtslehrer, „ich wollte nur sagen, daß, wenn auch die Strafe auf sich warten läßt, so bleibt sie doch nicht aus."