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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1913-01-01 · 16 (1913) · p. Seite 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
16 (1913)
Article
Der Sonnenstich
Date
1913-01-01
Page
Seite 249 (sequence 22)
Language
German
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249 „Du hast gut Singen und Dichten", bemerkte sarkastisch "der „Sched", während ich vor Wut mir ins Fleisch beißen möchte." „Und ich sage Dir, daß Jechiel ein Schaute, ein /Prahler ist, dessen Worte keine Beachtung verdienen." „Und ich behaupte, daß er gar keine Schaute ist, sondern ein ganz verschmitzter Kerl, ein schlauer Fuchs." „Dem sei wie ihm wolle", meinte trotzig der Dichter, „der Schammes wird ihm seine Tochter nicht zum Weibe geben." „Meinst Du?!" rief der „Sched". „Warum denn nicht? Der fromme Bursche, der ein heiliges Leben führt, fastet und betet, muß diesem schlichten Manne unbedingt gefallen." „Aber doch nicht ihr!" „Wer wird sie denn fragen? Charme ist doch eine jüdische Tochter und steht unter der Vormundschaft ihres Vaters. Wird sie selbst die Verlobungsurkunde nicht unterzeichnen wollen, dann wird es ihr Vater für sie tun. Bis zurHochzeit wird sie wohl schmollen und jammern, vielleicht auch noch einige Zeit nachher; allmählich aber wird die Natur ihr Recht behaupten und Alles sich in Wohlgefallen auflösen . . . Aber haben wir denn überhaupt ein Recht, uns dem Jechiel hindernd in den Weg zu stellen?" „Wir haben nicht blos das Recht", schrie der Dichter wütend, „sondern auch die Pflicht, die sanfte Taube aus den Felsenklippen des Geiers zu befreien." „Flieg' nicht so hoch", spottete der „Sched" lachend. „Du kommst mir vor. wie ein in der Luft schwebender, vom Winde getriebener Drache, der den Flug in die Lüfte seinem freien Willen zuschreibt und die Schnur, an der er befestigt ist, und den Knaben, der sie und ihn lenkt, nicht merkt. Unglücklicher Dichter! Du willst, wie Du sagst, die sanfte Taube aus den Felsenklippen des Geiers befteien, und vergißt, daß Dein vornehmer Vater Dich, wie der Knabe den Drachen, an einer Schnur lenkt und, sobald Du die Zeit zum Heiraten erreichst, samt Lern seinen Familienstammbaum für Geld verkaufen wird,

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