Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 19)
- Language
- German
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246 „Jechiel!" sagte der „Dichter" mit warnender- Stimme — „Das ewige Nachsinnen, das ewige Alleinsein mit seinen Gedanken ist nicht gut; es führt zur Melancholie, zum Wahnsinn. Hüte Dich!" „Auch Dein häufiges Fasten, Deine Kasteiungen",, fügte der Altertums-Forscher hinzu, „gefallen mir nicht. Sie widersprechen auch den Vorschriften der Thora, die uns lehrt: Der Mensch soll durch die Ausübung der Gebote leben, nicht aber sterben. Gedeihliches Studium,, so sagen die Weisen, ist vom Essen abhängig." Allein alles Bemühen der Kameraden, ihn seiner Abgeschlossenheit zu entreißen, ihn zum Zusammenlernen mit ihnen zu bewegen, war vergeblich. Umsonst warnten sie ihn vor den Folgen seiner in sich gekehrten Lebensweise, seines ständigen Alleinseins mit grüblerischen Gedanken, das, wie sie ihm zu verstehen gaben, der Anfangs des Wahnsinns sei; er hörte nicht auf sie. Jedes Fremdwort, jede schwierige Stelle im Talmud enthielt für ihn einen sicheren Hinweis auf die Geliebte seines Herzens; und stieß er auf zwei schwierige Stellen hinter einander,, so sah er in der einen einen Hinweis auf sich selbst,, in der anderen einen solchen auf sie — die Tochter des- Schammes. „Mein Sohn!" hörte er im Traume einmal seinem Vater deutlich sagen, „Du hast eine Braut Dir erwählt und mir nichts davon offenbart?!" Schamröte bedeckte die Wangen Jechiel's, und er ließ den Blick zur Erde sinken. „Ich aber habe es im Himmel, hinter dem Zaune des Paradieses gehört und werde Dir zurzeit die Unterführer schicken", fügte der Vater begütigend hinzu und verschwand. In derselben Nacht erschienen ihm drei in weiße Gewänder und große Tallesim mit Silbertressen gehüllte Greise, aus deren Augen Güte und Liebe leuchtete. „Ich", sagte der eine, „bin gekommen, um Dir zu verkünden, daß Du die Dir vom Himmel bestimmte Kallegesunden hast." „Ich", fügte der zweite hinzu, „bin geschickt worden,, um Dir zu sagen, daß die Tochter desSchammesDich liebt."'