Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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245 bringen in ihm; sein Gehirn ist klein, sein Herz noch nicht erprobt- Wer weiß, was daraus werden, wer als Sieger aus diesem Kampfe hervorgehen wird!" III. Jechiel hatte seine Willenskraft überschätzt. Er wollte, wie einst Joseph in Aegypten, sein Herz mit einem eisernen Panzer umgeben, um sich vor den Verlockungen der Sünde zu schützen und seine Leidenschaft bezähmen, allein das Feuer, das der Anblick des holdseligen Mädchens ^o plötzlich in seiner Seele entfacht hatte, schmolz das -Eisen, und sein Herz verzehrte sich in Sehnsucht nach der schönen Schammes-Tochter. Umsonst verkroch er sich, so nft er sie kommen hörte, in einen entlegenen Winkel des Lehrhauses; umsonst verstopfte er mit den Fingern seine -Ohrlöcher, um ihre Stimme nicht zu hören: ihre Stimme war süß und lieblich, klang bezaubernd und mächtig und hielt alle seine Sinne gefangen. Vergebens fastete er und legte sich Kasteiungen auf Kasteiungen auf: der böse Trieb war mächtiger als er und seine Vorsätze. Seinen . Schlaf durchkreuzte jetzt nur ein Traum, und dieser Traum gaukelte ihm nur ein Bild vor: Channa, die schöne Schammes-Tochter. Wohl merkte er, wie die Studiengenossen ihn beobachteten und sich über ihn belustigten, allein er-kehrte sich nicht um sie und war — in seinen Träumen glücklich ... 'Jechiel zweifelte nicht mehr, er war sogar nun fest überzeugt davon, daß Channa die vom Himmel für ihn bestimmte Braut sei. Die Wohnung des Schammes stieß an die Westwand des Beth Hamidrasch, wo Jechiel auf einer harten Holzbank sein Nachtlager hatte. Er benutzte diese Gelegenheit, drückte Nacht für Nacht sein brennendes Gesicht an die Wand und schärfte sein Gehör, immer von der Hoffnung beseelt, vielleicht ihre Stimme, die Stimme der „vom Himmel für ihn bestimmten Braut" zu vernehmen. Es dauerte nicht lange, und Jechiel begann auch im wachenden Zustande zu träumen. Da tat er endlich seinen ^Kameraden leid, und sie fingen an, ihn zurechtzuweisen.