Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111098-3115987--4531-3116260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
248 Tiefen von seiner Stirne herab, und seine mageren, ein- -gefallenen Wangen nahmen eine grünliche Färbung an. Als das Mädchen gleich hierauf das Lehrhaus verlassen hatte, wandten sich die jungen Leute ihm wieder zu und fragten wie aus einem Munde: „Jechiel, was ist Dir? Warum bist Du so bleich? Hast Dil etwa wieder -ein Bardeles im Traum gesehen?" Als er noch immer mit keinemLaut antwortete, sagte der „Sched": „Die Macht des Bösen hat sich seiner bemächtigt." „Jechiel," scherzte ein zweiter, „wollte in Ruhe sitzen und lernen, da verfiel er der zornstarken Gewalt des Jezer Hora, des bösen Triebes." „Ja, ja," witzelte ein dritter, „die schöne Tochter des Schammes ist ein gewaltiges, verzehrendes Feuer und das .Herz des armen Talmudjüngers ein trockenes, dürres Holz." „Eigentlich," apostrophierte ihn der „Sched" mit -erheuchelter Strenge, „eigentlich solltest Du vor Scham Dein Gesicht verhüllen. Warum hast Du Deinen Platz in der' Nähe des Ofens verlassen und bist dem Satan ins Netz gelaufen? Wärest Du bei Deinen Büchern -geblieben, so hätte ihr Blick nicht gleich einem Feuerfunken das Heu und Stroh angesacht, mit dem Du Dein Gehirn vollgepfropft hast." „Wer ist sie?" stammelte Jechiel. „Wer ist dieses Mädchen?" „Schaute!" lachte der „Sched". „Wie oft habe ich 'heute schon von der Schammes-Tochter gesprochen!" „Ach, sie ist wie eine Lilie," seufzte der Dichter. „Im Tale Ajalon", ergänzte der „Sched", „und wir gleichen Dornen und Disteln. Sie ist eine helllodernde große Flamme, die wir umflattern wie Motten, bis wir einmal unsere Flügel versengen und ganz Israel die -große Feuersbrunst beklagen wird, die dieses Mädchen mit einem ihrer Blicke angefacht hat . . . Doch Scherz bei Seite, Jechiel! Nimm Dich ja vor der Tochter des Schammes in Acht! „Eher hinter einem Löwen als hinter einem Weibe einhergehen", sagen unsere Weisen, und ich sage Dir, noch gefährlicher ist es, einem Weibe ins Angesicht zu schauen." 16*