Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 242 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Dich nicht unser und kommst nicht mindestens zweimal stündlich, uns Deine Kräppchen anzubieten?" „Damit die Bachurim," antwortete das Mädchen, ebenfalls scherzend, „sich ungestört mit der Thora beschäftigen und die frommen Weiber, Euch segnend, ihre Kinder auf Euren Fleiß Hinweisen sollen." „Latz doch die frommen Weiber!" wehrte der „Sched" ab. „Ohne Dich, Du Liebliche unter den Schönen, was wären wir, was unser Leben?" „Wir glichen dann," fiel der Dichter ein, „den verdorrten Gebeinen, die der Prophet Ezechiel in einem Tale geschaut." „Mach' mich nicht unglücklich," rief der „Sched", „und reitze mir nicht die Worte aus dem Mund!" Infolge des Geschreis war Jechiel aufgewacht und rief, scheu um sich blickend: „Wer ist da? Was ist, was ist?" Er erhob sich, blieb einige Minuten unentschlossen stehen und näherte sich dann den Genossen. „Wer ist der hier?" fragte die Tochter des Schammes, als sie den Neuangekommenen erblickte. „Es ist unser neuer Kollege; Jechiel lautet sein Name." „Ach, wie traurig er aussieht," raunte das junge Mädchen den Nächststehenden zu. Ein Schatten von Trauer und Furcht lagerte sich über ihr Gesicht, als sie Jechiel etwas aufmerksamer betrachtete. „Ich fürchte mich vor ihm," fuhr sie leise fort. „Du hast Recht," pflichtete ihr der „Sched" mit lustigem Augenzwinkern bei, „denn er ist fürchterlich wie ein Löwe in seiner Macht über die unsichtbare Welt. So ist er imstande, alles, Menschen und Tiere zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden; wenn er will, entlockt er einer trockenen Steinwand Wasser, ja sogar Branntwein; er kann auch den umherirrenden, abgeschiedenen Seelen Ruhe und Frieden verschaffen. Nicht wahr, lieber Jechiel?" Dieser antwortete nicht. -Wie eine Bildsäule stand er da und starrte mit weit aufgerissenen Augen aus die ihm gegenüberstehende Jungfrau; grotze, kalte Schweitztropfen