Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1913-01-01 · 16 (1913) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
16 (1913)
Article
Der Sonnenstich
Date
1913-01-01
Page
Seite 242 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111098-3115987--4530-3116259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 Dich nicht unser und kommst nicht mindestens zweimal stündlich, uns Deine Kräppchen anzubieten?" „Damit die Bachurim," antwortete das Mädchen, ebenfalls scherzend, „sich ungestört mit der Thora beschäftigen und die frommen Weiber, Euch segnend, ihre Kinder auf Euren Fleiß Hinweisen sollen." „Latz doch die frommen Weiber!" wehrte der „Sched" ab. „Ohne Dich, Du Liebliche unter den Schönen, was wären wir, was unser Leben?" „Wir glichen dann," fiel der Dichter ein, „den verdorrten Gebeinen, die der Prophet Ezechiel in einem Tale geschaut." „Mach' mich nicht unglücklich," rief der „Sched", „und reitze mir nicht die Worte aus dem Mund!" Infolge des Geschreis war Jechiel aufgewacht und rief, scheu um sich blickend: „Wer ist da? Was ist, was ist?" Er erhob sich, blieb einige Minuten unentschlossen stehen und näherte sich dann den Genossen. „Wer ist der hier?" fragte die Tochter des Schammes, als sie den Neuangekommenen erblickte. „Es ist unser neuer Kollege; Jechiel lautet sein Name." „Ach, wie traurig er aussieht," raunte das junge Mädchen den Nächststehenden zu. Ein Schatten von Trauer und Furcht lagerte sich über ihr Gesicht, als sie Jechiel etwas aufmerksamer betrachtete. „Ich fürchte mich vor ihm," fuhr sie leise fort. „Du hast Recht," pflichtete ihr der „Sched" mit lustigem Augenzwinkern bei, „denn er ist fürchterlich wie ein Löwe in seiner Macht über die unsichtbare Welt. So ist er imstande, alles, Menschen und Tiere zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden; wenn er will, entlockt er einer trockenen Steinwand Wasser, ja sogar Branntwein; er kann auch den umherirrenden, abgeschiedenen Seelen Ruhe und Frieden verschaffen. Nicht wahr, lieber Jechiel?" Dieser antwortete nicht. -Wie eine Bildsäule stand er da und starrte mit weit aufgerissenen Augen aus die ihm gegenüberstehende Jungfrau; grotze, kalte Schweitztropfen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.