Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 14)
- Language
- German
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241 „Ich rate Dir, die Wege Deines Vaters nicht zu wandeln und Dich mit der Geheimlehre nicht zu beschäftigen, denn es könnten auch Dich fremde schwarze Hunde überfallen, die sich um keinen Vers kümmern, sondern mit ihren Zähnen Deinen Leib zerfleischen würden, an sichtbaren und geheimen Stellen!" „Spott und leichter Sinn bringen den Menschen um seine Welt," erwiderte Jechiel und wandte den Bachurim den Rücken zu. „Wende uns doch nicht den Rücken zu!" mahnte der Dichter. „Wir verstehen nichts von der Geheimlehre, und Du brauchst uns deshalb nicht böse zu sein!" Jechiel aber holte aus seinem Bündel ein Buch hervor, vertiefte sich in dasselbe und kümmerte sich nicht weiter um die Scherze und Sticheleien der Genossen. Auch diese begaben sich auf ihre Plätze und fingen an zu lernen. Der heftige Sturm und das Schneegestöber draußen auf der menfchenöden Straße beunruhigte und störte niemanden: Das Haus des Herrn ist eine sichere Zuflucht, innerhalb der ’ vier Ellen der Halacha herrscht Friede und Freude. Jechiel war längst über seinem Buche eingeschlafen; denn der zu Fuß zurückgelegte weite Weg hatte ihn müde gemacht. Das singende „Lernen" der Talmudhelden wurde immer lauter, übertönte das Schnarchen des Schlafenden und das durch die Fenster dringende Geheul des Sturmes. Plötzlich öffnete sich die Türe, und auf der Schwelle erschien ein hübsches, junges Mädchen, das mit lieblicher Stimme rief: „Kräppchen, Kräppchen, warme Kräppchen!" Im Nu hatten alle bis dahin in die Bücher vertieften Blicke eine andere Richtung genommen. Wie ein Mann waren die jungen Leute von ihren Sitzen emporgeschnellt; eine gemeinsame Freude erhellte ihre Gesichter, und alle auf einmal eilten sie der Stimme entgegen und streckten ihre Hände nach den seilgebotenen Leckerbissen aus. „Holde kleine Schwester," bediente sich der „Sched" eines Verses des Hohen Liedes, „warum erbarmst Du 16