Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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240 dritten Tage flammte sein Gesicht von einer Begeisterung auf, wie ich sie bisher bei ihm nicht wahrgenommen hatte, und er rief uns zu: „Rabaussai! Nehmt euch ja vor den Hunden, insbesondere vor den schwarzen Hunden in acht und denket stets an den Vers, der Schutz gegen Hunde bietet." Im Zimmer herrschte Todesstille, als er fortfuhr: „Ich überschritt die Grenze mit Hilfe eines kabbalistischen Spruches, bei dessen Anwendung man sehen kann, ohne gesehen zu werden; durch die Anwendung eines zweiten Spruches, der den Weg bedeutend verkürzte, war ich schnell ins Dorf gekommen, wo ich auf Kredit Branntwein erhielt, vermöge jenes Spruches eilte ich wieder auf abgekürztem Wege zurück, überschritt, indem ich noch immer alles sah, ohne gesehen zu werden, die Grenze, bemerkte die Grenzwächter, welche Karten spielten und lachte sie in meinem Innern aus. Die Nacht war aber stockfinster, und obwohl ich alles erkannte, konnte ich doch die schwarzen Hunde, die unweit der Wächter sich aufhielten, nicht bemerken. Und die schwarzen Hunde — Gott schütze vor ihnen — haben mich gesehen oder richtiger, meinen Geruch wahrgenommen und fielen über mich her. Vor Angst vergaß ich den Vers gegen Hunde und auch meine anderen Sprüche, und so kam es, daß die Wächter mich erblickt hatten und, wie Ihr sehet, wundschlugen." Nun begriffen die um das Lager meines Vaters versammelten Genossen das Unglück, das ihn betroffen und begannen heftig zu weinen. Ich aber jammerte: „Bardeles, Bardeles!. . .. Ich habe irrt Traume ein Bardeles gesehen und Dir, mein Vater, nichts gesagt!" Aber mein Vater hatte mein Schreien und Weinen nicht mehr gehört: Am vierten Tage war seine Seele in ungetrübter Reinheit entflohen. Aus Jechiels Augen flössen dicke Tränentropsen herunter, während bei seinen Hörern Weinen und Lachen mit einander um die Herrschaft stritten. Die Spottsucht des „Sched" gewann wieder die Oberhand. „Und so" — sagte er mit ernster Miene, „starb Dein Vater als ein Opfer des heiligen Namens." „Ja", antwortete Jechiel mit einem schweren, herzbrechenden Seufzer.