Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Der Sonnenstich
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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229 in der heiligen Lade hinter dem schweren, braunsammetnen Vorhänge, auf welchem die Spinnen beim dunkeln Schein der „ewigen Lampe" emsig ihre Arbeit verrichteten, thronende Königin Thora ist sicher geborgen. Ein großes Heer von treuen Dienern bewacht schützend die greise, ewig-junge Majestät: alte und neue Werke, die, in Regalen wohlgeordnet, die Wände des Lehrhauses schmücken. Hier stehen friedlich neben einander die Gelehrten Jerusalems und die Weisen Babylons, die Schüler des Aristoteles, die Geistesgranden Spaniens und die Rabbiner Polens: Talmudisten, Philosophen, Rechtsgelehrte, Sprachforscher und Kabbalisten. Nur einmal im Jahre, kurz vor dem Passahfeste, unterzieht der Schammes die Bücher einer gründlichen Reinigung und Musterung; die zerfetzten werden in eine speziell diesem Zwecke dienende Kiste getan und durch neue ersetzt. In einem Winkel der Westwand ist eine kupferne Gießkanne und ein kupfernes Becken angebracht, Ueberreste ehemaliger Herrlichkeit, als die Bewohner des Ortes noch für die Ausschmückung des Lehrhauses größere Fürsorge an den Tag legten. Die einst vorhanden gewesenen silbernen und goldenen Geräte haben nach und nach Diebe sich angeeignet; die wertvollsten Bücher sind üon dem Diener des Lehrhauses, der noch immer ein Gehalt von vier polnischen Gulden die Woche bezieht, verkauft worden, um für deren Erlös Brot für Weib und Kinder kaufen zu können. In einem anderen Winkel der Westwand, an der Südseite grenzend, glüht ein Riesenofen. Um dieses, wohlige Wärme verbreitende größte Jnventarstück des Raumes drängen sich einige Tadmudjünger rauchend und plaudernd, während andere aus .der glühenden Asche die zum Rösten hineingelegten Kartoffeln hervorholen. Der Schnitt ihrer Kleidung, ein Gemisch von deutscher und polnischer Tracht, läßt sie älter erscheinen, als sie wirklich sind, diese blutjungen Leute zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, Kinder wohlhabender Bewohner des Ortes, die mit Liebe und Eifer dem Tulmudstudium obliegen. In ihrer lauten Unterhaltung benehmen sie sich wie schwatzende