Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Das Dreigestirn
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Viele Beweise der Liebe und Wertschätzung. Deutsch entzückte bis in sein hohes Greisenalter hinein seine Gemeinde durch die Pracht seiner Stimme und die Glut seines Vortrages und gehörte fast ein halbes Jahrhundert zu den musikalischen Sehenswürdigkeiten Breslaus. Die physischen Kräfte unseres Deutsch fingen mit der Erreichung seines 73. Lebensjahres an nachzulassen, und nur mit Unterbrechungen konnte er sein Amt ausüben. Am 20. Februar 1892 erkrankte Deutsch an Influenza, und nach achttägigem Krankenlager hauchte der Meister seine edle Seele aus. Der liederreiche Mund, der tausende und abertausende der Hörer durch seine Stimme und seinen künstlerischen Vortrag entzückte und erbaute, verstummte, und das edle Herz des gottbegnadeten Sängers hörte zu schlagen auf. Die Trauerbotschaft verbreitete sich schnell durch die schlesische Hauptstadt, und der Vorstand der Gemeinde beschloß, die Bestattung seinerseits zu übernehmen und mit den höchsten Ehren zu schmücken, die eine jüdische Gemeinde ihrem allbeliebten Kultusbeamten zu zollen vermag. Zugleich versandte der Vorstand an die Breslauer Tagesblütter folgenden Nachruf: „Das heute Nacht erfolgte Hinscheiden des Herrn Moritz Deutsch, ersten Kantors und musikalischen Dirigenten der Neuen Synagoge wird in unserer Gemeinde allseitig mit tiefem Schmerze empfunden. Hat doch der Verewigte fast ein halbes Jahrhundert seine ungewöhnlichen künstlerischen Gaben mit seltener Pflichttreue in den Dienst seines Amtes gestellt und durch sein Wirten in hohem Maße dazu beigetragen, unserem Gottesdienste einen würdigen und weihevollen Charakter zu verleihen, der vielfach anderwärts zum Vorbild geworden ist. Eine ideal angelegte Natur, von wahrer Herzensfrömmigkeit beseelt, eine anspruchslose liebenswürdige Persönlichkeit, erfreute er sich stets und überall ungeteilter Hochschätzung und Verehrung, und sein Andenken wird in unserer Gemeinde nicht erlöschen." Breslau, den 27. Februar 1892. Der Vorstand und das Repräsentanten- Kollegium der Synagogen - Gemeinde.