Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Das Dreigestirn
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 8)
- Language
- German
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— 198 — bemerkt, einen „heiligen Tempelstil geschaffen". Kein' Wunder, wenn das epochemachende Werk Schir Zion Eingang in den Gemeinden Israels gefunden und die Runde um die ganze Welt machte. Der große Meister des Gesanges, der alle Hörer durch seine wohllautende Stimme und ergreifenden Vortrag entzückte, wurde nun als Organisator und Reformator des jüdischen Gottesdienstes verehrt und bewundert. Obgleich Sulzer, wie oben erwähnt, 15 Jahre verstreichen ließ, ehe er seine Kompositionen veröffentlichte, so war ihm der Zeitpunkt der Herausgabe, wie Ed. Kulke zu berichten weiß, doch noch zu früh; wenigstens hätte Sulzer mit der Veröffentlichung noch gern gezögert, denn er war nicht von jener Selbsttäuschung befangen, den Schir Zion für ein vollendetes Meisterwerk zu halten. Sulzer war sich darüber klar, daß das Werk bei noch reiferer Ausseilung, und Umarbeitung einzelner Teile nur gewonnen hätte. Allein er wurde durch die äußeren dringenden Verhältnisse zur Herausgabe des Werkes bestimmt; denn von den namhaften Gemeinden, wie Pest, Venedig, München, Frankfurt a. M., Berlin u. m. n., die das Bedürfnis nach Verschönerung des jüdischen Gottesdienstes empfanden, wurde die Partitur verlangt. Ein ähnliches Werk, welches den ausgesprochenen Wünschen hätte genügen sollen, war nicht vorhanden, und so wich der Komponist der Notwendigkeit, wenn er sich trotz mancher innerer Bedenken dennoch zur Herausgabe entschloß?) Sulzers Selbstkritik ist ein schönes Zeugnis von Offenherzigkeit, andere aber erkannten, daß der Schir Zion eine Arbeit sei, auf welche der Komponist mit Recht stolz sein durfte. Die obige Äußerung von Singer bestätigte dieses, ebenso das Urteil von dem bekannten Musikkritiker Eduard Hanslick. Auch außer dem Gotteshause strebte Sulzer manche ästhetische Reform an, wie bei Trauungen, Leichenbegängnissen und Trauergottesdiensten. Der unübertreffliche und unvergleichliche Sänger des Schir Zion war die Zierde und der größte Edelstein des Kantorenstandes. S. Sulzer von Ed. Külke.