Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Das Dreigestirn
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
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195 Stimme war eine wahrhaft göttliche und sein Organ geradezu bezaubernd. Nun erging an Sulzer vom Prediger der Wiener Kultusgemeinde I. N. Manheimer ein Berufungsschreiben. Sulzer folgte dem ehrenvollen Ruf der Wiener Kultusgemeinde und wurde, erst 21 Jahre alt, mit der heiligen Mission betraut, dem Synagogengesange neue Bahnen zu eröffnen. Wäre Sulzer, wie sein rühmlichst bekannter Nachfolger Joses Singers trefflich bemerkt, „zwischen die Räder des gewöhnlichen Lebens gefallen, er wäre vielleicht unter der Ungunst der Verhältnisse gleich anderen genialen Menschen untergegangen." An der Wiege der Sulzerschen Bestrebungen -aber standen keine Geringeren als Ritter von Seyfried, Würfel, Sechter und Stegemaier, welche sich im Aufträge des Kultus- Vorstandes in seine musikalische Ausbildung teilten. Sulzer studierte mit großem Eifer, und seine künstlerische Individualität entwickelte sich so glänzend, daß selbst Schubert und Liszt zu seinen Freunden gehörten. Schubert sprach oft die Worte, als er Sulzer seine Lieder singen hörte: „Jetzt erst verstehe ich meine eigene Musik und was ich gefühlt habe, als ich die Worte: Ich wandre still, bin wenig froh, Und immer fragt der Seufzer wo? vertont habe. Nicolaus Lenau, der Dichter, geniale Geiger und intensive Musikkenner schrieb an Ludwig August Frankl wie folgt: „Mein Leben ist jetzt ganz kunstbewegt. Fast kein Tag vergeht, der mir nicht irgend einen herrlichen Genuß bringt. So hörte ich heute Abend den Vorsänger der hiesigen Synagoge, Sulzer, der sehr wahrscheinlich die schönste Stimme in Deutschland'hat. Meine vom Stuttgarter Hofschauspieler Schmidt komponierten Lieder wären mir sehr willkommen für diesen herrlichen Sänger." Auch die berühmten Sänger der italienischen Hofoper kamen, um Sulzer zu hören. Sie suchten ihn in ihrer *) Singer, lieber Entwickelung des Synagogengesanges, Serie I, österreichisch-ungarische Kantorenzeitung.