Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Das Dreigestirn
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111098-3115986--4481-3116211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
194 seinem Meister von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, wie der Junge mit dem Alten in der Ballade von Uhland. Der junge Sulzer war das, was man einen Meschorer nennt, ein Sänger, der daraus abgerichtet ist, in den Gesang seines Meisters zeitweise einzusallen oder, um den technischen Ausdruck zu gebrauchen, ihm „zuzuhalten" (sekundieren). Dieses „Zuhalten" geschieht nicht nach einer vorgeschriebenen Stimme, die man nur aus einem vorliegenden Notenblatt herunterzulesen braucht, sondern es geschieht srei, und es ist hierbei der Improvisation, der momentanen Stimmung und Erfindung jedes einzelnen „Meschorer" der weiteste Spielraum gegönnt. Es versteht sich von selbst, daß nur bedeutende Talente in einer solchen Gesangsproduktion etwas Wertvolles zu leisten imstande waren, und daß hierzu ein äußerst feines und wohlgebildetes musikalisches Gehör vorausgesetzt werden muß. So reiste denn der junge Sulzer als jüdischer Troubadour durch einen Teil Frankreichs und nahm teil an den Erfolgen, die sein Meister allenthalben erzielte. Nach der Rückkehr aus Frankreich ging Sulzer wieder nach Karlsruhe, wo er sich ein volles Jahr strengen Musikstudien widmete. Nach Verlauf desselben konnte er sich sagen, daß er die ihm gewährte dreijährige Frist redlich benutzt habe, und mit ruhigem Gewissen durste er nun das Kantoramt in Hohenems antreten. Dies geschah 1820*). Fünf Jahre verwaltete Sulzer das Kantorat in Hohenems zur großen Zufriedenheit. Er schuf dort einen Synagogenchor und komponierte selbst die Gesänge. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers ließ Sulzer auch ein Streichquartett in der Synagoge Mitwirken. Es dauerte nicht lange und Sulzer errang sich einen großen Namen. Als die Wiener Kultusgemeinde für ihren Tempel in der Seitenstettengasse einen Kantor suchte, wurde sie auf Sulzer aufmerksam gemacht, und der Kultuspräsident Biedermann fuhr nach Hohenems, wohnte dort dem Gottesdienste bei und der Sulzer'sche Vortrag rief in ihm große Begeisterung und Bewunderung hervor. Denn seine!) Salomon Sulzer von Eduard Kulke.