Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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189 nichts zu erwidern vermochte. Später fand ich die Deutung dieses Aff im Eisenmenger, daß nämlich die Juden auf diesen Aff sich berufen, der im dritten Buche Moses, Kapitel 26, Vers 44 nach allen verheißenen Strafen die tröstliche Versicherung folgen läßt: ״ ׳ואףAuch dann, wenn sie im Lande ihrer Feinde find, habe ich sie nicht so verworfen und nicht so verstoßen, daß ich sie völlig aufriebe und meinen Bund mit ihnen bräche; denn ich, der Herr, bin ihr Gott." — Noch für eine andere geschichtliche Reminiszenz habe ich erst später die Lösung gefunden. Ich kann das Datum genau angeben; es war im Jahre 1843, als R. Sundel Luria mit seinem damals erschienenen Buche כנף רעים eintraf, um Käufer dafür zu finden. Zu näherer Empfehlung seines Werkes hielt er an mehreren Winterabenden verschiedene Vorträge aus seinem Kommentar zu Perek Schirah, einer alten Sammlung, in welcher verschiedenen Tieren und Pflanzen Bibelsprüche sozusagen in den Mund gelegt werden. So finden wir bereits im Talmud und bei Josephus übereinstimmend, daß das Weizenkorn spreche: ״Aus der Tiefe rufe ich die Gottheit an!" (Psalm 130). Der Perek-Schirah-Mann, wie R. Chanoch-Sundel allgemein hieß, wußte nun aus der Natur oder Beschaffenheit der einzelnen Geschöpfe die Uebereinstimmung mit dem Gedanken, welcher dem ihm zugewiesenen Bibelspruch innewohnt, nachzuweisen. Sein oratorisches Talent verstand es, die verschiedensten Hagadas und Midraschim hierfür dienstbar zu machen. Der Jargon mit jener Eigentümlichkeit, wie sie nur da oben in Lithauen gefunden wird, die melodische Vortragsweise (Nigun), welche die Prosa in Poesie verwandelt, der Feuereifer, mit dem der Darschan sprach, wobei auch seine Gesten beredt genug sichtbar wurden — alles dies zusammen erhöhte die gespannte Aufmerksamkeit des Zuhörerkreises, zu dem auch der Rabbiner gehörte. Der Knabe, welcher lauschend und horchend dem Redner zu folgen vergebens sich bemühte, griff einmal aus der Flut der Worte den Satz auf, daß die griechischen Philosophen behaupten, die Welt sei -unerschaffen. Bald daraus hörte man wie im Donner