Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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186 wurde, dort aber nicht lange sich behaupten konnte. Seine Neuerungen riefen heftige Opposition in der Gemeinde hervor, die ihn zwang, seine Wirksamkeit in Wreschen bald aufzugeben^). Die lichtvolle Behandlung des talmudischen Stoffes und der ihn begleitenden Kommentare von Seiten des Rabbiners förderte meine Fortschritte wesentlich. In seiner Nähe fühlte sich mein kleines Herz gehoben; seine freundlichen Züge, sein milder Blick vergegenwärtigen mir noch heute in Gedanken seine Lichtgestalt. Wenn er am 9. Ab vor dem Klageliede über die zehn Märtyrer mit einem Tränenerguß die Worte: ״Wenn ich Jerusalem dein vergäße", wenn er im lauten Gebete an den hohen Feststagen andachtsvoll die Worte hören ließ: ״Heil dem Manne, der aus Deine Gebote hört, Deine Lehre und Deine Worte zu Herzen nimmt" — da glaubte mein, Stimmen aus des Himmels Höhen zu hören. Seine halachischen Vorträge am Sabbat vor Peßach und vor dem Bersöhnungstage dauerten immer zwei Stunden, welche die zahlreichen Talmüdgelehrten in geistiger Regung und Bewegung festhielten. Gewöhnlich wurde jeder Vortrag mit einer homiletischen Einleitung eröffnet. Aus einer derselben erinnere ich mich noch eines ג) In Süddeutschland machte sich der Widerft-and gegen ״studierte Rabbiner" schon früher geltend. Als der Rabbiner Markus Adler, der 178L von Frankfurt a. M. nach Hannover kam und dort 1831 gestorben ist, seinen Sohn, den späteren Rabbiner Nathan Adler, studieren ließ, verbreitete man einen Spottreim: Der Raw, der sollte die Kehillah führen, und läßt den eigenen Sohn studieren. (Briefliche Mitteilungen des Dr. Hermann Adler an mich). Anfangs der dreißiger Jahre im vorigen Jahrhundert hören wir folgenden Klageruf: ״Jünglinge sahen wir, ohne Weisung, ohne Leitung, mit Tnachs Geist kaum vertraut, Talmud aus Gewohnheit lernend, ohne Liebe, weil ohne Licht, hineilend zu den Hochschulen der Wissenschaften, um dort aus klassischem Heidentum, aus dogmatischer Philosophie, aus historischer Kritik, aus neutestamentlichen Einleitungen ins alte Testament und aus christlicher Kirchenlehre sich ein Surrogat des Judentums zu holen, und Ekel am Judentum — das sie nimmer erkannt." — Der Widerstand gegen ״deutsche Rabbiner", wie er sich in jener Zeit in der Provinz Posen zeigte, wird von mir an einer anderen Stelle näher dargestellt werden.