Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Schnee, in der einen Hand die Laterne, in der anderen das große Buch. Ich fürchtete mich nicht vor dem Dunkel der Nacht, nur, wenn ich die Ecke des Bet-Hamidrasch passierte, pochte mir das Herz. Unter den Kindern ging nämlich die Sage umher, daß auf der Außentreppe dort in der Nacht alle die Tierungeheuer lagern, in welche die Seelen aller abgeschiedenen Bösewichter gefahren seien. Den Aberglauben von einer solchen Seelenwanderung hat auch die jüdische Kabbalistik des Mittelalters aus orientalischem Fremdgebiete ausgenommen und in . einem ספר הגלגולים judaisiert. Vor einigen Jahren hat dieses Büchlein in Petrikau eine Wiederauflage gefunden, von der mir ein Exemplar zuging. Als ich dem Drucker hierauf schrieb, das Machwerk sollte eher verbrannt, als zu weiterer Verbreitung gebracht werden, antwortete mir der Drucker geradezu: Nicht das heilige Buch, nur wer daran nicht glaubt, verdiente verbrannt zu werden. Mit dem talmudischen Unterricht eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Nicht allein das geistige Exerzitium, durch Aufmerksamkeit und Nachdenken die Verkettung der verschiedensten Fälle und Umstände zu erkennen und bis zur logischen Konsequenz zu führen, spornte mich an, sondern auch das Reale darin fesselte mich und erhöhte meine Spannkraft, natürlich so weit man hiervon bei einem Knaben dieses Afters sprechen kann. ״ Der Rabbi hatte nicht, wie gewöhnlich, mit dem ersten Abschnitt des Traktats Baba Meziah begonnen, sondern mit dem zweiten. Die Pflicht, wie Gefundenes zu behandeln sei, bis es dem rechtmäßigen Besitzer wiedergegeben ist, wie beim Ausladen der Last der Feind dem Freund vorzuziehen sei, wie man den Lehrer noch höher als den Vater zu ehrfürchten habe, wie man dem Vater den Gehorsam zu verweigern habe, wenn er zu einer gesetzlichen Uebertretung veranlassen will — alle diese ethischen Momente waren die ersten Anregungen in mir, bis ich zu dem Lebensprinzip ״gerecht und wahr" gelangt bin, das ich in allen Lagen und Verhältnissen bisher festgehalten habe.