Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 19)
- Language
- German
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183 Eine abfällige Bemerkung hierüber, welche ein junger Mann machte, wurde von R. Schmulche Lißner, einem Talmudisten, mit Entrüstung zurückgewiesen, indem er heftig jene Phrase, mit der man auch den unwesentlichsten Brauch zu motovieren Pflegte, äusrief, daß nämlich jeder ererbte Brauch gleich der Thora zu achten sei. Später fand ich bei Grimm, Aberglauben, erwähnt, daß Knoblauch ein Mittel sei, die Dämonen zu vertreiben, die sich also auf dem Gräberselde ent- Wickeln. Nach dieser kleinen Einschaltung nehme ich wieder den Faden für den Zusammenhang in meinen Mitteilungen aus. Mein Lehrer hielt sehr viel auf eine ausgebreitete Kenntnis des hebräischen Bibeltextes (תנ״ך). Wie er es in seiner Jugend getan, nämlich an jedem Freitag Nachmittag das in der Woche gelernte Pensum fleißig einzuüben, so tat ich es ihm nach. Ein großes Glück war mir hierbei beschieden. Ein Kolporteur der englischen Bibelgesellschaft schenkte mir eine hebräische Bibel, auf blendend weißem Papier gedruckt, in gepreßtem Ledereinbande. Das kindliche Gemüt fühlte sich hierüber so erfreut, daß es zu folgender gereimten Inschrift sich erhob: להגות באמרי שפר בעת ערב ׳וצפר קניתי לי זה הספר אברהם:ברמנר Wer diese Inschrift nachher las, lobte mich hierfür, worüber ich, zum ersten Male in meinem Leben, einen Anflug von stolzem Bewußtsein empfand. Der massoretische Text in dieser Bibel (Ausgabe London 1840) war ganz korrekt hergestellt, aber später entdeckte man, daß im Worte 5) משב. Buch Moses, Kapitel 4, Vers 29) statt des Kamez unterm Schin eine Kreuzsorm sich fand — eine vielleicht in missionssüchtiger Absicht vorgenommene Aenderung. Den talmudischen Unterricht erhielt ich beim Rabbi in den Frühstunden, noch vor Anbruch des Tages. Nichts konnte mich davon abhalten, zu ihm zu gehen, Wind oder