Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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182 mit sogenannten Kletten (Stechapfel) nach verschiedenen Sitzen zu werfen. Woher diese Roheit stammte, weiß ich nicht; man stunkerte hierbei, daß es die der Ankunft des Messias vorangehenden Kämpfe Gog und Magogs symbolisieren sollte. Der Knabe, welcher mittrauerte, war schon damals über jene Ungezogenheit empört, ex hat es verstanden, zehn Jahre später sie zu beseitigen, indem er die Attentäter durch die Polizei protokollarisch verwarnen ließ — und dies half. Wie weit und wie lange diese Rohheit sich erhalten hat, darüber dürsten nähere Mitteilungen erwünscht sein. Nachdem der Gottesdienst an diesem Tage zu Ende war, besuchte man, der Trauer des Tages entsprechend, den Friedhof, wobei manche Knaben einen Degen aus Holz geschnitzt in die Gräber der Verwandten steckten. Was dies bedeuten sollte, weiß ich nicht; nur eine Vermutung für den eigentlichen Ursprung dieses Brauches hätte ich. Man hat bis jetzt die Frage nicht untersucht, wie es im Mittelalter die auf dem Lande oder sonst zerstreut lebenden Juden mit dem Transport und dem Begraben der Leichen gemacht haben. Nur die größeren Gemeinden hatten eigene Begräbnisplätze; hierüber wie über die Schwierigkeiten eines Leichentransports und die Abgaben für das Geleit desselben habe ich in meinem Buche ״Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter" Seite 118 verschiedenes Material nachgewiesen. Sehr oft hat die Leiche eines isoliert Wohnenden abseits ein Grab erhalten, das bei den Christen als Erkennungs- Zeichen ein hölzernes Kreuz, bei den Juden einen einfachen Grabscheit erhalten hat- Im Laufe der Zeiten hat der Grund seine Bedeutung verloren, aber der Brauch ist im Gedächtnisse geblieben und zur anderweitigen Uebung, wenn auch ohne Grund, gelangt. Noch eines Brauches, bei dem bereits der Knabe den Kopf geschüttelt hat, ist Erwähnung zu tun. Sobald man den Friedhof verlassen hatte, wusch man (vorschriftsmäßig) die Hände in dem in der Nähe befindlichen Mühlbach, wobei aber manche etwas Knoblauch hineinfallen ließen.