Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1913-01-01 · 16 (1913) · p. Seite 181

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
16 (1913)
Article
Aus meiner Knabenzeit
Date
1913-01-01
Page
Seite 181 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3111067-3111098-3115985--4467-3116198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

181 Eine solche Bezeichnung war bei den Alten verpönt, sie erinnerte zu sehr an jene Zeit der Scholaren mit ihren Plackereien und Angriffen. ״Ein Schiler-Scheikez" war einbesonderer Schimpfname. Jtzigs Geschichte war aber folgende. Sein Vater gehörte zu den Medine-Geiern, d. h. zu den Leuten, welche aus Mangel an einer Existenz in der Heimat nach den alten Provinzen gingen, um dort durch den Hausierhandel sich und die Familien zu Hause zu versorgen. Zu den hohen Festtagen kehrten sie heim, die sie im Kreise ihrer Familie zubrachten, um dann wieder gewöhnlich nach der Mark zurückzugehen. Auf einer solchen Tour kam der 11jährige Jtzig mit seinem Vater nach Mohrin, wo aber der letztere bald starb. Die Bauern nahmen sich des Knaben an, sie brachten ihn zum Pastor, der ihn erzog, unterrichten ließ — und zur Taufe führte, worauf er Theologie studierte und dann als ״Pastor Festenberg" an einem Orte der Mark fungierte. Als solcher bezeichnete er sich dem Rabbi gegenüber, mit dem er sich freundlich unterhielt. Am Sonntag darauf predigte er in der evangelischen Kirche seines Geburtsortes. Der Rabbi hatte mich sehr lieb und zeichnete mich vor allen Mitschülern aus. Seine Frömmigkeit war mir zum höchsten Ideal geworden. Wenn in den sogenannten drei Wochen (der Trauer) der Synagogendiener an: Mittage durch die Straßen zog mit dem Rufe: Zu חצות, d. h. das Trauer-Ritual abzuhalten aufforderte, da eilte auch ich mit dem Tikkun in der Hand nach dem Gottes- Hause, setzte mich in der Nähe des Rabbi ebenfalls zur Erde und stimmte jene Klagelieder aus Safed׳ an, deren elegischer Ton mir noch immer, nach so vielen Jahren, im Ohre widerhallt und mich ganz wehmutsvoll stimmt. Besonders möchte ich hier der Trauer am neunten Ab erwähnen, der den Ausgangspunkt jener drei Wochen bildet, mit seinen Klageliedern in den verschiedensten Tonarten und auch durch die Kundgebung der äußeren Trauerzeichen innerhalb des Gotteshauses. Dies konnte aber doch nicht einige aus den unteren Reihen abhalten, der pöbelhaften Unsitte zu fröhnen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.