Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 16 (1913)
- Article
- Aus meiner Knabenzeit
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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177 Für den fünfjährigen Knaben waren diese Wochen eine Zeit der Ewigkeit. Bei Tage sprach ich fortwährend vom neuen Siddur; in der Nacht träumte ich davon. Endlich kam der Freund von seiner Reise zurück, aber zu spät am Tage, um noch zu ihm gehen zu können. Doch am Freitag in aller Frühe ging ich zu ihm, zum' reichen Reb Wolf's Selig, wo mir seine Mutter, Frau Rifke, zuerst das obligate Geschenk gab, welches die Kinder von der Messe mitgebracht erhielten, nämlich ein Schächtelchen, worin einige Zuckererbsen mit einem Stückchen Pfefferkuchen sich befanden. Aber was hatte dieses Mal das Schächtelchen für einen Wert in meinen Augen! Gar nichts. ״Mein Siddur," sprach ich stotternd. ״Der ist noch verpackt," sagte die Frau, ״und mein Sohn schläft noch." So mußte ich den langen Tag (es war die Tammus- Messe im Juli) die Sehnsucht nach dem neuen Siddur in mir tragen. Endlich am Abend, noch vor Beginn des liebreichen Sabbat-Liedes, kam Herr Landsberger in die Schul', mein Vater begrüßte ihn wie üblich — und ich erhielt endlich den neuen Siddur zum Geschenk — mein erstes Eigentum in dieser Welt! Schon der äußere Ein- Land hielt mich für die ersten Augenblicke fest — der Deckel mit marmoriertem Papier überzogen, auf dem Rücken ein verziertes Etiquette, und als ich das heilige Buch öffnete, da war es die auf blendend weißem Papier gedruckte Tefflla, aus der Druckerei von Telgener in Hannover, von Salomo Blogg revidiert, hervorgegangen. Beim emsigen Blättern fand ich etwas neues, nämlich den Text vom Segensspruch beim Anblick des Neumondes mit großen Buchstaben gedruckt, um dem Betenden draußen beim Mondlicht das Lesen zu erleichtern. Und für das Seffra-Zählen war eine so bequeme Anordnung darin getroffen! Bald sollte dem kindlichen Gemüte noch eine zweite Freude zuteil werden, allerdings nach einer anderen Richtung hin. In der Büchersammlung des Vaters fand sich Robinson Crusoe von Campe, dessen Lektüre, mehrere Male wiederholt, den Kreis meiner Gedanken und Vorstellungen über alle Maßen erweiterte. Hierzu kam noch 12